Europa – Idee von gestern oder Vision für morgen?

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Europa – Idee von gestern oder Vision für morgen?

Untertitelung: BR 2018 Bevor ich das Thema dieses Films verrate, ein kleines Quiz: Was bin ich? Klar. Ich bin der Rainer, ich bin ein Mensch Ich meine sonst so? Bin ich Deutscher? Bayer? Schwabe? Augsburger? Was bin ich? Klingt nach einer kleinen Identitätskrise, ist es aber nicht: Ich bin in Augsburg geboren, bin in Bayern groß geworden Als ich in Australien studiert habe, galt ich zum ersten Mal als Europäer Das war ganz komisch Alle Schweden, Franzosen, Briten: Wir waren plötzlich die Europäer, the Europeans Da bin ich zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung gekommen Was es heißt, wenn man aus Europa kommt Das ist nämlich unser Thema heute: Europa Was kann es? Brauchen wir es? Oder kann es weg? Europäer, das ist ganz einfach, fast schon banal: Das sind die, die in Europa geboren wurden, hier leben oder arbeiten Aber wenn man an Begriffe denkt wie “Europamüdigkeit”, “Europa-Skepsis” oder “Brexit”, wird schnell klar: Das ist nicht so einfach mit diesem Europa Und hinter Europa, der EU, da steckt einiges Was alles, versuche ich euch in der nächsten halben Stunde zu zeigen Vorher mache ich mich aber auf die Suche: Was ist dieses Europa? Europa, was das ist? Ein rechter Schmarrn ist das Ein richtiger Schmarrn, Schmarrn, Schmarrn Und teuer, ja Wir Deutschen zahlen jedes Jahr Millionen, ach, Milliarden, jedes Jahr, an die Griechen, Spanier, Italiener Und was haben wir davon? Gar nichts Die sitzen in der Sonne und wir zahlen Und vom Osten kommen jetzt die Rumänen, die Bulgaren Wir sind ja alle EU, Europa, klar Die kommen jetzt auch noch alle Nehmen uns die Jobs weg Was ist für euch Europa? – Oh Gott Soll ich die Länder aufzählen? – Nein, das ist kein Quiz Bewegungsfreiheit, Kontakte mit Nachbarländern Europa ist wunderschön, weil wir viele kulinarische Sachen aus Europa bekommen Büffelmozzarella aus Italien, Tapas aus Spanien Deswegen ist Europa wunderbar Europa ist einfach sicher Ich finde es gut, dass es das gibt Aber es gibt sicherlich viel Verbesserungsbedarf, wie es ausgeführt ist Was stört dich am meisten? Wie die Wirtschaft das ausnutzt und auch die geopolitische Nutzung, was NATO etc. angeht Da gibt es sehr viel Verbindung zwischen der EU meiner Meinung nach, die viel zu intensiv ist Wenn man sich die aktuelle Politik anschaut, ist es immer noch ein Versuch Aber die Hoffnung stirbt zuletzt Ich bin optimistisch, dass es weitergehen muss und kann Wir halten fest: Europa ist nicht nur ein Kontinent Zum einen ist Europa ein politisches Konstrukt: die EU Zum anderen eine Idee des Zusammenlebens Des Völkeraustauschs, der Völkerverständigung, des friedlichen Zusammenlebens, des Miteinander-Arbeitens anstelle von Krieg Gegen das Zweite, also diese idealisierte Idee, hat, glaube ich, kaum jemand etwas Aber gegen das Europa der EU, der politischen Institutionen, der Bürokratie im fernen Brüssel haben sehr viele etwas Diese ganzen Richtlinien, die die EU vorgibt, finde ich manchmal viel zu viel Damit vereinheitlicht man alle Länder und gerade die Unterschiede sind ja so schön Dass Lebensmittel in der EU teilweise in jedem Land gleich aussehen müssen, finde ich ganz schrecklich In Italien jetzt ist es total katastrophal Wir haben zu viel Migration und zu wenig Arbeit für die Italiener Es kommen so viele Migranten und die Italiener müssen weg von Italien Ich bin in Deutschland für Arbeit, weil in unserem Land: keine Chance mehr Der Euro ist scheiße, definitiv – Du hättest gern die D-Mark wieder? Ja gerne. Die war was wert und sah nicht aus wie Kinderspielgeld Multikulti Endstation! Heimat, Freiheit, Tradition! Diese Leute sind laut Natürlich ist Europa überhaupt nicht perfekt Es ist eher ein Prozess, an dem immer weiter gearbeitet wird, seit Jahrzehnten Das scheinen auch die meisten so zu sehen Schauen wir uns die Fakten an Repräsentative Umfragen zeigen: Das fragt die EU-Kommission im Eurobarometer

Ergebnis: In allen EU-Ländern fühlt sich die Mehrheit als EU-Bürger Einzige Ausnahme: Griechenland Zwar sind nicht alle begeistert von der EU, aber nur ein Fünftel sieht sie wirklich als negativ 40% finden die EU gut Der Rest ist unentschieden Die Zustimmung wächst: in ganz Europa In Deutschland sehr deutlich: auf 45% Die Zahl der Kritiker hat sich in der gleichen Zeit fast halbiert Echter EU-Miesepeter ist Griechenland: Nur hier sehen mehr Menschen die EU negativ als positiv Fazit: Auch wenn viel gemeckert wird, die EU finden deutlich mehr Menschen gut als schlecht Was wir an der EU schätzen: Frieden zwischen den Mitgliedsstaaten Offene Grenzen und Bewegungsfreiheit Die Gemeinschaftswährung: Der Euro wird sehr häufig als positive Errungenschaft genannt Austauschprogramme wie Erasmus für Studenten Es stimmt also nicht, dass viele die EU ablehnen Das Gegenteil ist richtig: Eine große Mehrheit will sogar mehr Europa 75% wollen eine gemeinsame EU-Sicherheits- und Verteidigungspolitik 72% eine gemeinsame EU-Energiepolitik Fast 70% eine gemeinsame Einwanderungspolitik Dafür sind v.a. die Spanier, die Deutschen und die Niederländer Dagegen sind nur die Tschechen und die Esten mehrheitlich Die wichtigsten Probleme für die EU laut Umfragen: Einerseits Einwanderung, andererseits Terrorismus Überwunden zu sein scheint den meisten dagegen die Euro-Finanzkrise Erstmals seit 2007 sieht die Mehrheit der Befragten die Wirtschaftslage Europas wieder positiv Ebenso blickt die Mehrheit der Bevölkerung optimistisch in die Zukunft der EU Ausnahmen: Großbritannien und Griechenland Aber selbst in Griechenland steigt die Zahl der EU-Optimisten im Vergleich zur letzten Umfrage Fazit: Auch wenn oft ein anderes Bild gezeichnet wird, die Mehrheit findet Europa und auch die EU gut und will mehr Europa Ich fasse mal kurz zusammen: Die Mehrheit in Europa findet es sehr wichtig, eine gemeinschaftliche europäische Politik zu haben Die meisten in Europa wollen “mehr Europa” statt “mehr Nationalismus” Aber, ein großes Aber: Es gibt sehr viele Menschen, die unzufrieden sind, wie sich die EU entwickelt Wir treffen einen Mann, der dieses Gefühl sehr gut kennt Er war auch mal unzufrieden mit Europa: vor 70 Jahren Damals organisierten Studenten eine ziemlich radikale Demonstration Sie haben offene Grenzen gefordert und ein gemeinsames, vereintes Europa: 5 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs Dieser Mann war mit dabei, vor 70 Jahren, 1950 Zu ihm kommen wir gleich Vorher ein kleiner Rückblick Eine Zusammenfassung, woher die Idee kommt von einem vereinten Europa 1914 bis 1918 war der Erste Weltkrieg 21 Jahre später der Zweite Weltkrieg: Der bisher größte militärische Konflikt der Menschheitsgeschichte Etwa 100 Mio. Menschen verloren in diesen Kriegen ihr Leben Im Zentrum beide Male: Deutschland und Frankreich Da war klar: So was darf nie wieder geschehen Aus diesem Gedanken ist die Idee entstanden, den Nationalismus zu überwinden und ein Miteinander in Europa zu schaffen Dafür wurde 1949 der Europarat gegründet Bis heute hat er seinen Sitz in Straßburg Mittlerweile gehören ihm alle Länder Europas an, bis auf Weißrussland Der Europarat achtet auf den Schutz der Menschenrechte und der Demokratie Er ist heute mehr oder weniger unbekannt und hat wenig politische Macht Er ist ein Forum des Dialogs 1951 die Gründung der

“Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für Kohle und Stahl” 1957 die Römischen Verträge: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wird ausgebaut Zölle werden abgeschafft Neben Kohle und Stahl umfasst der freie Handel jetzt auch zunehmend landwirtschaftliche Produkte Der Verbund heißt jetzt “Europäische Wirtschaftsgemeinschaft”, kurz EWG Die EWG wird mehr und mehr zu einer Wirtschaftsunion Zu Beginn, nach den zwei Weltkriegen, stand nicht die Wirtschaft im Vordergrund, sondern die politische Einigung: “Nie wieder Krieg!” Dieser Wunsch hat die Einigung vorangetrieben Die meisten von uns sind in einem friedlichen Europa aufgewachsen Wir kennen es nicht anders Und können uns deshalb schwer vorstellen, dass der Frieden wieder kippen kann Denken wir an 2007: Finanzkrise 2015: die sog. Flüchtlingskrise Plötzlich war und ist der Traum vom geeinten Europa wieder in Gefahr Immer mehr Europäer stellen die Idee vom geeinten Europa infrage und wollen zurück zum Nationalstaat Zwei Vorstellungen, die es gibt, seit es den europäischen Einigungsprozess gibt: Einerseits der Wunsch nach mehr Europa, mehr Einigkeit, mehr Gemeinschaft Andererseits der Wunsch, alles zurückzudrehen: Mehr Nationalstaat, mehr Abgrenzung und mehr Gegeneinander Vor 70 Jahren war das schon so: 1950 kam der Nationalismus in Europa wieder auf 5 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine gefährliche Sache Deshalb sind viele Menschen zusammengekommen, um etwas dagegen zu tun Einer von diesen jungen Menschen damals war Matthias Heister Er ist jetzt 94 Jahre alt Hallo. Schön, dass Sie da sind Kommen Sie rein 1943 im Juni, als ich 18 Jahre alt wurde, bin ich zur Marine gegangen, in die aktive Seeoffiziers-Laufbahn Mein jüngerer Bruder war mit 16 Jahren eingezogen und von den Russen geschnappt worden Der ist erst 1948 zurückgekommen, total ausgehungert Er war ins Schweigelager nach Sibirien verfrachtet worden Nach dem Krieg war ich froh, dass ich an der Universität eingeschrieben wurde Ich bin in einen “English Club” gegangen Man wollte irgendwie mitmachen Leider gab es nach dem Krieg zunächst nur die alten Kooperationen wieder Das passte mir aber nicht, denn die hatten nur Couleurdamen Dieser English Club war für mich wichtig, weil ich so Englischsprechen lernen konnte Der wurde aufgenommen in den internationalen Studentenbund Man wollte im Grunde genommen Weltbürger werden Dann kam nach und nach mehr diese Überlegung, wir müssen für Europa etwas tun Dann hieß es, wir müssen eine “action spectaculaire” machen Mit dieser “action spectaculaire” können wir so viel Aufsehen erregen, dass wir bekannt werden Wir kennen keine Grenzen, wir ignorieren die Grenzen, wir brauchen keine Grenzen in Europa Darüber gibt’s auch einen Film Weißenburg, Wissembourg, das war die Geschichte, wo das stattfand Da kommen schon die Franzosen mit ihrem hölzernen Schlagbaum an Das ist das Mädchen, das die Zöllner überlistet hat Da kommen die Deutschen angelaufen Man fällt sich in die Arme, begrüßt sich gegenseitig Jetzt versucht man noch, sich zu verbrüdern und gemeinsam zu der Feuerstelle zu gehen, um da die Utensilien des Zolls zu verbrennen Wir brauchen keinen Zoll mehr, wir brauchen keine Douane mehr, wir brauchen ein Europa ohne Grenzen Vieles, wofür die Studenten 1950 kämpften, ist jetzt Realität: Die Grenzen sind, meistens jedenfalls, offen Wir haben ein Europaparlament, mit Abgeordneten, die wir Bürger selber wählen In den 80er-Jahren treten Griechenland, Spanien und Portugal der EU bei Der europäische Binnenmarkt entsteht Und dann, 1989, der Fall der Mauer Ein Jahr später die Wiedervereinigung Deutschlands: Auch eine Folge des europäischen Einigungsprozesses 1995 treten Österreich, Finnland und Schweden bei Der Vertrag von Maastricht regelt den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen Das Abkommen von Schengen öffnet die Grenzen Der europäische Austausch etwa von Studenten wird zur Normalität Ab 2002 gibt es auch eine gemeinsame Währung, den Euro

Gemeinsames Geld: schöne Idee, aber nicht alles Was viele vergessen: Europa ist nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern auch eine Wertegemeinschaft, die für eine liberale, weltoffene, freie und demokratische Gesellschaft steht Als Gegenmodell zu den Ideen und Parolen, die zu zwei Weltkriegen geführt haben Welche Werte aber teilen wir in Europa? Woher kommen diese Werte? Ein kleiner Überblick: Die Spuren unserer Vorfahren: Wir finden sie bis heute in ganz Europa Darunter: Gedanken und Werte, die aus dem Altertum stammen Sie wirken bis heute über alle Grenzen hinweg Z.B. Demokratie: Eine Erfindung der Denker im antiken Griechenland in Athen, weit vor Christi Geburt 2. Beispiel: Werte und der Sinn des Lebens Griechische Philosophen dachten darüber nach, wie die Menschen leben sollten Dann die alten Römer: Sie entwickelten eine Rechtswissenschaft für ihr Herrschaftsgebiet Bis heute ist das römische Recht Vorbild für alle Gesetzbücher in Europa Schließlich das Christentum Die Forderung “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” verbreitete sich in ganz Europa Etwas später die Französische Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit Ob Demokratie, Menschenrechte oder Sozialsystem: Die Ideale der französischen Revolutionäre prägen bis heute unseren Alltag Nach Ende des Zweiten Weltkrieges der große Umbruch: die Gründung der EU Sie ist nicht nur ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, v.a. steht sie für eine Idee: Handel, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Reisen und kultureller Austausch über Ländergrenzen hinweg Wer das macht, führt nie wieder Krieg gegeneinander Gemeinsame Werte, verankert im Vertrag über die EU: Faszinierende Ideale Europa, die EU, ist mehr als nur Wirtschaftsinteressen Europa ist eine Wertegemeinschaft Werte, ha Werte sind super, wenn man sich’s leisten kann Können wir aber nicht Wir zahlen eh schon für alle, wir Deutschen Die ganzen Flüchtlinge, die kommen jetzt auch noch her Danke, Merkel! Super, EU! Billige Arbeitskräfte und wer hat am Ende keinen Job? Ja ich. Wir Deutschen, wir sind arbeitslos Und die Gehälter, die sind im Keller Mein Herz schlägt nicht für Europa Ich sage: erst mal deutsche Werte Und dann reden wir über was anderes Die Österreicher machen es ja nicht anders Österreicher für Österreich, die Ungarn für die Ungarn, Briten für Briten Brexit: Richtig so, endlich hat’s jemand mal gemacht Germany first. Ich sag’s: Jedes Land für sich selber erst mal Wenn was übrig bleibt, dann von mir aus: EU Das ist das Europa, wie ich es mir vorstelle Ja, da wäre aber ganz schnell nix mehr übrig von der EU oder Europa oder zumindest von der Idee eines vereinten Europas Ich bin am Hauptbahnhof in München Eine der schönsten Sachen der EU, da sind sich die meisten einig, sind die offenen Grenzen Man kann reisen, wohin man will Der Zug z.B. fährt über Wien nach Bratislava bis nach Budapest Man kann hinreisen ohne Probleme Die EU unterstützt solche Sachen auch Z.B. durch das Programm “Erasmus”: Das ermöglicht Studierenden, im Ausland zu studieren, und finanziert das sogar mit Das Programm gibt es seit 30 Jahren 4 Mio. Mal wurde es bislang genutzt Ich bin mit Münchner Erasmus-Studenten zu einem Ausflug verabredet Ah, hi – Grüß dich Hab ich mir gedacht, das ist die Gruppe, die ich suche Alles gut? – Alles super

Das Wetter spielt nicht mit, wir mussten den Trip verändern Wir wollten eigentlich an den Chiemsee fahren heute, aber Wir gehen in die Pinakothek der Moderne Unser Ausweichplan – Ist doch ein super Plan Andere Frage: Wer ist “wir”? Ich, Elisa, Julian: Wir sind von MESA, Erasmus Student Network Wir kümmern uns um die Erasmus-Studenten, die nach München kommen D.h., ihr seid ehemalige Erasmus-Teilnehmer? Ich war in Barcelona, ist schon drei Jahre her Ich war in Belfast – In Belfast, okay Hat das euren Blick auf Europa ein bisschen verändert? Schon ein Stück weit – Ja Warum? Was hat sich verändert? Man hat einfach die Leute noch besser kennengelernt Die ganzen verschiedenen Nationalitäten Es ist nicht nur Europa, sondern über die ganze Welt verteilt Man lernt Inder kennen, Chinesen Überall kommen die Menschen her: Amerika, Kanada Man kann es sich besser vorstellen, wie es wäre, in einem anderen Land zu leben, zu arbeiten V.a., wenn man die Sprache lernen will, gibt es keine bessere Art als dort hinzugehen, sich mit den Locals zu unterhalten Ihr kennt die auch nicht alle? – Den Großteil der Leute hier nicht Die Gruppe hat sich über Facebook verabredet Jedes Wochenende werden Ausflüge unternommen und auch sonst ist einiges geboten Keiner muss Angst haben, im Ausland alleine zu bleiben Ah, nice Was würdet ihr sagen, sind typisch europäische Werte? Was mir als Erstes einfällt sind vielleicht auch Ich musste sofort an Einheit, Gleichheit, Brüderlichkeit denken, aus der Französischen Revolution Ich glaube, als ein Anfang wäre das nicht schlecht Ich glaube, darauf können sich alle einigen Auch so ein bisschen dieses kritische Denken und Hinterfragen, das ist auch ziemlich europäisch Aber ist das was Gutes? – Ich finde schon Kritisches Denken ist, nicht das zu nehmen, was einem vorgesetzt wird Erst einmal darüber nachdenken Das ist schon wichtig Gibt es was, was euch an Europa stört? An der EU stört mich ein bisschen, dass gerade die Vision fehlt In den 90er-Jahren war das Schengen-Abkommen, dann wurde der Euro beschlossen, dann gab’s auf einmal keine Grenzen Plötzlich konnte man überall mit der gleichen Währung zahlen Das war ein ganz großer Schritt nach vorne Das war die Vision von davor, dass man Europa näher zusammenbringt Ich finde, das fehlt ein Stück weit Was danach passiert ist, ist, dass ein paar mehr Länder dazugekommen sind Fühlst du dich als Europäer? Ich bin spanisch, aber Spanien ist in Europa Ja, ich bin europäisch Victor Garcia stammt aus Valencia, er möchte Übersetzer werden Was ihm in Bayern bisher am besten gefallen hat, hat er auf Facebook gepostet Wir reisen ohne Pass, ohne Visum durch Europa Das alles zu zerstückeln, wie’s die Nationalisten wollen, die Schlagbäume wieder dichtmachen, das kann auch nicht die Zukunft sein Wir erleben in Deutschland gerade die längste Friedensphase, die es hier jemals gegeben hat Für uns ist es eigentlich selbstverständlich Doch der Grundlage für diesen Frieden, der Einheit Europas, geht es im Moment nicht gut 2004 die EU-Osterweiterung, 2009 der Vertrag von Lissabon: Eigentlich alles Fortschritte im Einigungsprozess Aber das Fundament bröckelt Seit 2008 erschüttert die Finanzkrise die Welt, insbesondere Europa In Griechenland, Spanien, Portugal und Irland und vielen osteuropäischen Ländern verarmen Abermillionen Menschen Es gibt erste Risse in der EU Die EU-Feinde, die Europa-Kritiker, werden immer stärker Im Juni 2016 stimmt eine Mehrheit der Briten für den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der EU Überall werden Kräfte stärker, die dem liberalen, weltoffenen Europa ein anderes Gesicht geben möchten Ihnen möchte die Initiative “Pulse of Europe”, der Herzschlag Europas, etwas entgegensetzen Wie hier in München wird auch in anderen Städten mittlerweile jeden Monat für Europa demonstriert Ich treffe mich gleich mit zwei Leuten von “Pulse of Europe”, die einmal im Monat hier in München für Europa demonstrieren Und ich treffe mich mit Pfadfindern, die gerade in Belgien, in Brüssel, waren Man kann unschwer erkennen, ihr seid Pfadfinder Ihr wart gerade erst in Brüssel, warum? Was habt ihr euch angeguckt? Wir haben uns über die europäischen Institutionen informiert, an Veranstaltungen teilgenommen, mit Leuten diskutiert, die in Europa aktiv sind Wir haben den Inhalt, den wir daraus mitgenommen haben,

selber als Gruppe zusammengenommen, haben uns zusammengesetzt und haben gefragt: Was bedeutet das Ganze für uns? Und, was bedeutet es für euch? Wir haben sechs verschiedene Werte genommen Da war z.B. Demokratie dabei, Solidarität, interreligiöser Dialog und Freiheit, Toleranz und gegenseitiger Respekt Es ist auch spannend, mit Leuten aus verschiedenen Ländern zu diskutieren Da waren welche aus Polen da, aus Frankreich und Deutschland Die haben andere Meinungen zu Europa und erleben Europa auch anders Habt ihr das Gefühl, diese Reise nach Brüssel hat eure Sicht auf Europa verändert? Ja, auf jeden Fall Vor dieser Reise bin ich auf jeden Fall pro Europa gewesen Aber ich habe erst nach Brüssel gemerkt, dass Europa eine Gemeinschaft ist Deswegen finde ich Projekte, wie wir sie gemacht haben, super, weil da merken wir auch die positiven Seiten von Europa Die wollen wir in den Vordergrund ziehen, damit die Leute immer toleranter werden und respektvoller Nur durch solche Treffen, glaube ich, kann das passieren Sie demonstrieren ja für Europa Warum? Weil Europa uns einfach Heimat ist Wir sind überzeugte Europäer und wir haben die Gefahr gesehen, in der sich Europa befunden hat Diese Gefahr, da wollten wir ein Zeichen setzen Wenn man an die Zeit nach dem Krieg zurückdenkt: Europa lag in Trümmern, die Staaten waren verfeindet Es war nicht selbstverständlich, dass wir dort ankommen, wo wir heute sind Es gibt Leute, die einfach Nationalisten sind Ich glaube, solche Leute wird man hier nicht erreichen können Die leben in einer Welt, finde ich, von vorgestern Wichtig ist auch das Signal, das wir an die Politik gesendet haben Dass die aufhören: Alles, was schlecht ist, war Brüssel Und was gut ist, war der Nationalstaat Dieses “blame game”, was da oft betrieben wurde, dass es bei den politisch verantwortlichen Menschen angekommen ist, dass es schadet Ich habe gelesen, dass ein guter Teil der Verbindung zwischen Berlin und München, die superschnelle ICE-Trasse, mit EU-Geldern bezahlt wurde Da würde ich gerne einmal ein Schild sehen mit dem Hinweis: “Unterstützt mit EU-Geldern” Dann würden die Leute auch merken, was es ihnen bringt Nicht nur immer denken, dass sie zahlen Eine Sache dürfen wir bei aller Europa-Euphorie, die wir haben, nicht vergessen: Europa ist kompliziert, manchmal weit weg, man muss es erklären Wir müssen Europa immer wieder erklären und den Leuten sagen: Da habt ihr einen Vorteil draus gezogen und dort und dort Wir müssen sie auch reformieren, die EU Kommen wir noch einmal zurück zur Frage vom Anfang: Was ist Europa? Ich würde sagen, erst einmal ist Europa ist eine großartige Idee Und der Versuch, 500 Mio. Menschen auf diesem Kontinent friedlich zusammenleben zu lassen Wenn man überlegt, was in den letzten Jahrtausenden hier alles los war: Die Länder waren im Krieg gegeneinander, Millionen von Toten in Weltkriegen Da muss man doch sagen, diese Idee “Europa” ist eine Sache, für die es sich lohnt, zu kämpfen Untertitelung: BR 2018