Wir Ostdeutsche! 30 Jahre im vereinten Land | Doku

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“Wir”: Das war die Formel der DDR Kollektiv statt Individuum Brigade-Ausflug statt Egotrip * klassische Musik * Der Westen versprach persönliche Freiheit Solo statt Chor Mit dem Motorrad bis ans Ende der Welt oder nach Duderstadt in Niedersachen Aber wie startet man durch? Wie beginnt man ein zweites Leben und wo kommt man wirklich an? * Musik * Das ist die Geschichte von Ostdeutschen Wer sind sie geworden und wer sind sie geblieben? Eine Reise durch die letzten 30 Jahre und in den Osten Deutschlands Wir sind nicht grundsätzlich andere Menschen Aber wir haben andere Erfahrungen gemacht Und damit entwickeln sich auch andere Verhaltensweisen Ich mag das nicht, “Ossi und Wessi” Ich finde das heute nicht mehr angebracht, wenn Sie mich als Ostdeutscher ansprechen Ich bin in Ostdeutschland geboren, und in Rostock aufgewachsen Aber ich finde, wir sind Deutsche Natürlich fühle ich mich als Ostdeutscher Das sehe ich allein schon an meinem Rentenkonto Die Punkte sind weniger als woanders Man sagt salopp “die Ostdeutschen” Das umfasst aber nicht nur Leute, die vor 1990 geboren sind, sondern auch junge Leute, die auch die Ostdeutschen sind Für die sind die Unterschiede nicht mehr so gravierend, weil sie in der kapitalistischen Demokratie aufgewachsen sind, oder in der marktwirtschaftlichen Demokratie (lacht) Man muss es ja nicht so ostig sagen Ich fühle mich irgendwie ostdeutsch * Musik * Leipzig: die Wiege der friedlichen Revolution von 1989 Damals eine marode Stadt, hat ihr Zentrum wieder sein historische Schönheit zurückgewonnen Dank des Kapitals aus dem Westen und der Arbeitskraft Ost Tina Arndt lebt seit drei Jahren in dieser Stadt Geboren ist sie in Röbel an der Müritz am Tag 1 der Deutschen Einheit Da war ich ein Säugling Ich bin am 3. Oktober 1990 geboren Vier Wochen zu früh Wahrscheinlich war es die Aufregung der Wende, dass ich nicht habe auf mich warten lassen, sondern direkt in die Welt wollte Tina Arndt gehört zur ersten Ost-Generation, die komplett im vereinigten Deutschland aufgewachsen ist Ohne Windeln aus Baumwolle, mit Nutella statt Nudossi und der Selbstverständlichkeit, die Welt nach eigenem Belieben und Vermögen bereisen zu können Erst studiert Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder und Weimar In Leipzig findet sie Arbeit in der Leitung eines Kinderchores und ihren Mann Seit Anfang des Jahres ist sie Mutter und in Elternzeit Es ist befremdlich mir vorzustellen, dass es gar nicht lange her ist, dass es hier ein Land gab, in dem man nicht frei war Oder nicht in allem frei war, in dem vieles vorbestimmt war Es wurde ganz anders gedacht und gewirtschaftet als heute Das ist für mich ein sehr ferner Gedanke Ihre Eltern haben in diesem Land gelebt In einem Land, das versprach ein besseres Deutschland zu werden, es aber nicht wurde Das aus Menschen Kollektive machte und aus Widerspruch Ketzerei Warum konnte man es in diesem Land aushalten? Wie sehr hat es die Menschen geprägt und was geben sie weiter? Mir wurde ein anderer Gemeinschaftssinn mitgegeben, der zur DDR so sozialisiert wurde Das auf jeden Fall Auf der anderen Seite auch eine Vorsicht gegenüber Menschen Das bedingt sich gegenseitig Man ist sehr warm und herzlich auf der einen Seite Auf der anderen Seite ist man vorsichtig. Wer bist du? Danach schließe ich dich in mein Herz Das ist sehr ostdeutsch Die 1968 gesprengte Paulinerkirche ist als Glaspalast wiedererstanden Die Stadt heilt ihre Wunden Den restaurierten Häusern sieht man ihr Elend im Sozialismus nicht mehr an Die DDR ist wie das Römische Reich eine abgeschlossene Geschichte,

Schulstoff Man kam immer bis zum Zweiten Weltkrieg Dann war das Schuljahr vorbei Wir sprachen sehr wenig über die DDR in der Schule An sich finde ich es sehr schade aus heutiger Sicht, weil es eine wichtige Lektion der Geschichte ist Es ist gut, sich damit zu beschäftigen Hat der 7. Oktober für Sie eine Bedeutung? Der 7. Oktober hat für mich keine Bedeutung Jetzt blamiere ich mich gleich Was war denn da? Der 7. Oktober war der Nationalfeiertag der DDR 1949 wurde der andere Teil Deutschlands gegründet 1989 verliert er seine Berechtigung (Rufe) Völker, hört die Signale! In Ostberlin und im ganzen Land protestiert ein Volk gegen das System, das sie beherrscht Noch wollen sie einen bessere DDR Dann fällt die Mauer * Musik * Mein Mann und ich waren im Neuen Forum, und das neue Forum hatte andere Ideen Wir wollten eine Zeit lang selbständig sein als DDR Dass das nicht ging und dass die Leute zur D-Mark wollten, merkten wir beizeiten Westgeld für Ostdeutsche: Sommer 1990 Das DDR-Volk jubelt Die D-Mark ist der Vorbote der Deutschen Einheit Die Kaufhallen werden Supermarkt und bunt Was hier einmal der Osten war, verschwindet, radikal und unbarmherzig Intershop für alle Ich legte keinen Wert darauf, dass die DDR erhalten bleibt So gut war das System ja nicht Man hatte immer den Blick nach drüben auf die Demokratie Das wollte ich auch 3. Oktober 1990: der Tag der Deutschen Einheit 40 Jahre waren die Deutschen getrennt in Ost und West Nun soll zusammenwachsen, was zusammengehört Die Euphorie ist groß, und die Hoffnung Es war keine Wiedervereinigung Es war ein Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes Eine Wiedervereinigung hätte ich mir anders vorgestellt: Dass von jedem etwas übernommen wird Am nächsten Morgen wachen die DDR-Bürger als Deutsche auf, in einem neuen System: mit anderen Gesetzen, Regeln, Gewohnheiten Für uns war das Leben um 180 Grad anders Man musste sich mit Institutionen auseinandersetzen, durchbeißen, das kennenlernen Das haben uns die Wessis voraus Die sind damit aufgewachsen Uns fehlte dieses Selbstbewusstsein Ein gesundes Maß an Selbstüberschätzung und auch Selbstmarketing Das fehlte uns und hatte die DDR nicht vorgesehen für uns Es war immer klar: Wenn heute die Sonne scheint, ist es so Man kann nicht sagen: Es ist so und so Das ist die Welt, in der wir heute leben: Schöne Worte für schlechte Zustände finden, ohne dass es unwahr ist Das Wichtigste, was wir Ostdeutschen lernen mussten, war meiner Meinung nach, dass man sich selber kümmern musste Wenn man etwas nicht selber gemacht hat, auch die Anpassung ans neue System, dann ist nichts passiert Dann kamen Sprüche wie “das müssen die doch machen” Nein, müssen sie nicht Man musste das eben selber machen * Musik * Magdeburg, die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt Zu DDR-Zeiten eine Industriestadt, ein Zentrum der Arbeiterklasse Seit 1985 lebt Angela Brockmann in dieser Stadt Geboren in Wismar, studierte sie Russisch und Französisch, gründete in dieser Zeit eine Familie Nach Magdeburg wollte sie nie Aber dort gab es für ihre Familie eine Wohnung So landete sie bei SKET Zum Tag der Wiedervereinigung, war ich Chef-Dolmetscherin im SKET, im SKET-Schwermaschinenbaukombinat Hier in Magdeburg der größte Arbeitgeber, verheiratet, zwei Kinder Das war mein Status am 3. Oktober Angela Brockmann arbeitet weiter als Dolmetscherin, jetzt mit neuen Chefs, und unter der Hoheit der Treuhand “Treuhand” war das Wort schlechthin Das war für mich persönlich, aber auch für den ganzen Osten, kriegsentscheidend

Die Treuhand besaß alles Alles, was vorher Volkseigentum war, gehörte nun der Treuhandanstalt Sie entschied über Gedeih und Verderb Die Treuhand soll 12.354 Betriebe privatisieren Das Schicksal von mehr als jedem dritten Beschäftigten in Ostdeutschland liegt in ihrer Hand Das Schwermaschinenbau-Kombinat wird aufgespalten, der Stammbetrieb in Magdeburg in eine Aktiengesellschaft umgewandelt Gab es hier 1989 noch 13.000 Beschäftigte, sind es fünf Jahre später noch knapp 2000 Nun erhalten zwei Unternehmer aus Braunschweig die Mehrheitsrechte für SKET Durch neue Märkte und neue Produkte wollen sie 1.200 Arbeitsplätze sichern Es herrscht Aufbruchstimmung Angela Brockmann wird Pressesprecherin des Unternehmens und organisiert auf der Hannover-Messe 1995 den SKET-Stand Am selben Tag als Bundeskanzler Helmut Kohl seine Aufwartung macht, findet in Magdeburg, bei den Sketis, eine Riesen-Party statt Wir haben diese Hannover-Messe gemacht Das sollte ein Zeichen an die Mitarbeiter sein Da sagten wir hier im Kranbau, direkt in der Produktionshalle: Wir machen SKET-Party Nr. 1 Wir haben alle Mitarbeiter und ihre Leute eingeladen und jeder war ein VIP Jeder bekam eine Einladungskarte mit einem Sticker drauf: “Du bist ein VIP” Der Hit war damals “I’am Scatman” Das Lied wurde hoch und runter gedudelt Da sagten wir: SKET-Party Nr. 1 Wir gingen davon aus, es gibt auch noch eine Nr. 2 Aber die haben wir nicht mehr erlebt Anscheinend gibt es wenig Interesse, einen ostdeutschen Konkurrenten für die westdeutsche Schwerindustrie aufzubauen Aus den Reihen der Treuhand kommen große Zweifel am Sanierungskonzept des Unternehmens auf Für Angela Brockmann steckt dahinter ein Vorsatz: SKET soll vom Markt verschwinden Sie kämpft für den Betrieb und um die mühsam akquirierten intern. Kunden Bis ihr der Aufsichtsrat einen zweiten Presssprecher vor die Nase setzt Wenn gesagt wird, ich bin Pressesprecher, dann bin ich Pressesprecher Dann will ich dem nicht meine Pressemitteilungen vorlegen Da fühlt man sich nicht genug gewertet (lacht) Der kam aus dem Westen Das betrachte ich als Entzug von Vertrauen Da besteht keine Basis mehr für die Zusammenarbeit Ich muss gehen Angela Brockmann hat für SKET gekämpft Jetzt kämpft sie für sich Sie macht sich selbständig, baut ein Call-Center auf, verkauft Flugzeuge, gründet ein Unternehmen, spezialisiert auf den Bau von Blockheizkraftwerken Den Untergang von SKET erlebt sie aus der Ferne Im Herbst 1996 erfolgt die Gesamtvollstreckung Zurück bleibt eine riesige Industriebrache Die Leute konnten nichts außer Schwermaschinenbau Die Ausbildung gab es hier Es gab ja auch nichts anderes Viele Familien, Mutter, Vater, Tochter, Sohn: Alle haben dann bei SKET oder SKL gearbeitet Dann war alles weg Die gesamte Grundlage war weg Viele sind in ein Loch gefallen Dann ergaben sich neue angebliche Perspektiven, was man machen könnte mit seiner Zeit Damals waren es hauptsächlich junge Leute, die in diese rechtsradikale Strömungen gefallen sind Das würde ich mit Entwurzelung erklären, weil es keine andere Perspektive gab Man sucht ja für sich selbst eine Lebensperspektive Eine Perspektive heißt Deutschsein Nationalismus gepaart mit Rassismus (brüllt) Wehrt euch, wir helfen euch dabei! Deutschland den Deutschen, Ausländer raus! Was in 40 Jahren DDR latent schwelte, bricht nun aus Offenkundig, laut und marschbereit Inmitten von Umbruch und Unsicherheit entsteht eine rechte Jugendkultur Bomberjacke, Springerstiefel und Reichsflagge werden zu Markenzeichen eines neuen Stolzes Der Freundeskreis hat sich geteilt Ich bin in die Kirche abgedriftet Und die anderen hatten Partys im Garten Heute würde man sagen: Alkoholexzesse und kurze Haare und anderes Liedgut Auch hier in Tangerhütte hatten wir eine starke rechte, braune Szene

Der Frust im neuen System findet sein Feindbild in den Ausländern Flüchtlingsheime werden zu Kampflätzen Wie im Sächsischen Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen Im Sommer 1992 lagern vor dem überfüllten Sonnenblumenhaus, der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber, Scharen von Flüchtlingen Ohne Verpflegung, ohne Toiletten Die Appelle der Anwohner, die unhaltbaren Bedingungen zu verbessern, bleiben ungehört Aus Unmut wird Zorn und schließlich Gewalt Neo-Nazis, angereist aus allen Himmelsrichtungen, erklären sich zu Vollstreckern des Bürgerwillens Anwohner klatschen Beifall Das war gar nicht vorstellbar, dass so etwas bei uns auftaucht in dieser Aggressivität Ich dachte, ich bin im falschen Film Das war schon erschütternd, was das so mit einem macht Dieser gesellschaftliche Umbruch, wie man sich als Mensch verändern kann, wenn man da nicht aufpasst Das Sonnenblumenhaus, in dem noch 150 Vietnamesen, ehem. DDR-Vertragsarbeiter wohnen, wird in Brand gesteckt Die Bilder gehen um die Welt Sie berichten von der Wiedergeburt des hässlichen Deutschen Rostock wird zum Symbol für Rassismus und Fremdenhass Wenn ich heute mit den Einwohnern rede, die damals auf den Balkonen standen und Beifall klatschten, wie Jugendliche dort mit Steinen gegen das Haus geworfen haben Wenn ich heute mit denen rede, schämen die sich heute dafür Aber sie sind leider nicht bereit, das auch öffentlich zu sagen Rostock heute: Eine Stadt im Aufwind, die Wirtschaft boomt Es wird gebaut, die Einwohnerzahl und die Mietpreise steigen Das Sonnenblumenhaus und die Plattenbauten von Lichtenhagen sind neu verkleidet und saniert Doch die Bilder des Pogroms von 1992 liegen wie ein Schatten über dem Stadtteil und den Menschen, die hier leben Ralf Mucha lebt in Lichtenhagen Er hat die Welt schon zu DDR-Zeiten gesehen als Seefahrer Während er 1990 noch auf den Meeren unterwegs ist, verändert sich die Welt vor seiner Haustür Am 3. Oktober 1990 bin ich noch zur See gefahren als Elektriker Ich war dort im Bereich der Spezialschifffahrt unterwegs Ich war nicht mehr auf großer Fahrt Ich bin dann im Dezember 1990 aus der DSR ausgeschieden Bisher verlief sein Leben in geradlinigen Bahnen: Kinderfasching, Jugendweihe, Ausbildung zum Elektriker Als Seefahrer ist er ein privilegierter DDR-Bürger, denn seine Dienstreisen führen in die ganze Welt Das Ende der Staatsreederei bedeutet für ihn einen Neuanfang Mit einer Abfindung startet er in ein neues Leben Ich habe die Chance genutzt nach der Wende Ich habe ein Studium gemacht Wenn man mit 40 nochmal studiert, wird man ehrgeizig Ich bin froh, dass ich diese Chancen hatte In der DDR war es ja so: geboren, aufwachsen, Schule, ein Beruf Und in dem ist man dann Rentner oder Rentnerin geworden Heutzutage ist das nicht mehr so Ich bin Elektriker, Sozialarbeiter, Lkw-Fahrer, ich bin Sozialpädagoge Jetzt bin ich Berufspolitiker Etappe 1 seiner neuen deutschen Karriere ist die Sozialarbeit Nach den Ereignissen von Lichtenhagen entsteht in einem ehem. Kindergartenkomplex ein Freizeit-Treffpunkt Er soll die Jugendlichen von der Straße holen und aus der falschen Geborgenheit brauner Rattenfänger Wie die NPD damals gearbeitet hat! Sie hat riesige Zelte nach der Wende am Strand aufgestellt, und kam bei uns in die Klubs, guckte durch die Fenster geguckt: Jungs, wollt ihr Freibier haben? Kommt mit! Dann sind die nach Warnemünde gefahren und haben dort Aufnahmeanträge verteilt Die hatten auch ganz andere Mittel und Möglichkeiten Wir haben versucht diesen Jugendlichen und Heranwachsenden auch andere Perspektive zu zeigen Wir haben sie unterstützt bei Bewerbungen oder Berufsberatung Das haben wir alles übernommen * Musik * 20 Jahre später sitzt die NPD im Landtag von Mecklenburg Vorpommern und marschiert am 1. Mai 2014 in Rostock auf Ihr Ziel: Lichtenhagen Am S-Bahnhof haben sich hunderte Gegendemonstrationen versammelt, um den Aufmarsch zu blockieren “Rostock nazifrei” plakatieren sie Das bürgerschaftliche Engagement

ist auch eine Antwort auf die Wunde von Lichtenhagen Es entstanden Bürgerinitiativen und Vereine Sie nennen sich “Bunt statt Braun” oder “Lichtenhagen bewegt sich” 2017: 25 Jahre nach dem Pogrom, Gedenken vor dem Sonnenblumenhaus Ralf Mucha, Vorsitzender des Ortsbeirates und SPD-Landtagsabgeordneter, ist sich sicher: Ein zweites Lichtenhagen wird es nicht geben Eine Gedenkstele wird enthüllt Erinnerung und Mahnung In den Fernsehnachrichten des Tages blitzen Bilder von 1992 wieder auf Ich würde mir wünschen, dass die Darstellung in den Medien, wenn wir alle fünf Jahre darüber berichten, dass kein Drei-Minuten-Beitrag kommt: Davon 2,45 Minuten brennendes Lichtenhagen und 15 Sekunden wie Lichtenhagen heute ist Natürlich kämpft man um ein Image, dass man Lichtenhagen nicht nur unter den ausländerfeindlichen Programm von 1992 sieht, sondern Lichtenhagen sieht, wie es heute ist Ein vorwärtsgewandter Stadtteil, der gut belebt ist Der Kindergarten wurde durch eine moderne Begegnungsstätte ersetzt Ralf Mucha hat seine Sozialarbeit in die Politik verlagert An seinem selbst gestellten Auftrag hat sich nichts geändert: aus Lichtenhagen einen lebenswerten Ort zu machen Lichtenhagen ist nicht die Kröpelliner Vorstadt, das Rostocker Wohlfühlviertel, wo die Mieten so hoch sind wie die Wohnansprüche Aber es ist ein Stadtteil, der sich in drei Jahrzehnten gerettet und neu gefunden hat Nach der Wende drohte er zu einem Armen-Ghetto zu verkommen Die Plattenbauten verloren ihren guten Ruf Sie wurden zum Inbegriff für prekäres Leben Die Menschen mussten lernen, ihr neues Leben selbst in die Hand zu nehmen Das brauchte Zeit In den 90ern herrschten in Rostock Massen-Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst Damals fühlten sich viele Menschen überfordert, ausgeliefert gegenüber dem neuen Leben und den herbeigeeilten Machern aus dem Westen Wir standen vor einem komplett neuen System Wir waren angewiesen auf die Infos, auf das Know How, auf die Erfahrung Da gab es auch beim Arbeitsamt oder in den Verwaltungen die sog. Busch-Zulage für Beamte und Angestellte, die aus den alten Bundesländern herkamen und sagten: Jetzt zeigen wir euch, wie es geht Ich denke, dass wir vieles auch so hinbekommen hätten Es war ein großer Moment in der Geschichte der Ostdeutschen, dass sie sich im Herbst ’89 Demokratie erstritten und beigebracht haben: die Selbstverständigung, den Streit, den Runden Tisch Der Anschluss an die Bundesrepublik beendet die kurze Zeit des Selbermachens Im vergrößerten Westen wird den ostdeutschen Eliten wenig Vertrauen geschenkt In der Politik, im Rechtssystem, den Massenmedien und Universitäten werden die Chefposten neu verteilt und die Leitung ausgetauscht Der Westen übernimmt die Führung des Ostens, fast vollständig Dabei ist es geblieben Es gibt keine ostdeutschen Eliten Wenn Sie überlegen, wer Ministerpräsident, Staatssekretär usw. ist, dann gibt es keine ostdeutsche Intelligenzia Menschen, die eine Bodenfühlung zu dem haben, wofür die sie verantwortlich sind Es gibt keinen Daimler in Ostdeutschland Keiner sagt: Das ist unser Städtle hier Es gibt ja kaum eine ostdeutsche Elite, die sich als solche nach außen hin präsentieren würde Das ist Problem Es gab neben den Wendeverlierern auch Wendegewinner, die sagten: Ich mache jetzt mein eigenes Unternehmen Sie entdeckten den Kapitalismus für sich und waren damit erfolgreich Die haben aber nicht gezeigt: Hey, es gibt erfolgreiche Personen aus Ostdeutschland! Und es gibt Vorbilder, an denen du dich orientieren kannst Wenn Angela Merkel die Uckermark vor sich hertragen würde, wie Horst Seehofer Bayern vor sich herträgt, dann hätten wir weniger Probleme Es ist komisch, wenn eine Region vertreten wird von Menschen, die woanders herkommen In dem Beispiel Ost und West ist das eklatant Das reproduziert sich immer wieder selber Jeder westdeutsche Vorstand stellt den ein, der ihn am ähnlichsten ist Da reproduzieren sich diese Vorurteile von: Ich nehme mal nicht den Ossi, der ist ja so weich Der ist nicht in der Markwirtschaft aufgewachsen Ich nehme mal einen von meiner Sorte (lacht) Ja, das ist Mist Ich habe neulich einen hübschen Ausspruch gehört

Wenn du einen Westdeutschen triffst und es ist nicht dein Verwandter Dann ist es entweder dein Vorgesetzter, dein Vermieter oder du stehst vor Gericht Chemnitz in Sachsen, 1953 in Karl-Marx-Stadt umgetauft Im Sommer 1990 fordern die Bewohner ihren alten Stadtnamen zurück Der Marxismus hat sich erledigt, auch als Lehrfach an der Technischen Universität Das Karl-Marx-Denkmal, der “Nüschel” darf bleiben Am 3. Oktober 1990 ist Chemnitz wieder Chemnitz und das Land des “Nüschels” nicht mehr die DDR Heidrun Katzorke lebt seit 1969 in dieser Stadt Eine Frau mit Doktortitel und Mutter von zwei Kindern Ich war Lehrkraft für Englisch an der Technischen Universität Chemnitz Wir hatten damals die Fakultät Fremdsprachen Dort war ich tätig, und habe diese Zeit als neu, sehr turbulent und aufregend erlebt Bereits 20 Jahre unterrichtet sie da angehende Ingenieure 1992 wird die Technische Universität neu strukturiert und auf Weststandard gebracht Heidrun Katzorke gilt als unbelastet Als eine von wenigen Ostdeutschen wird sie in Besetzungs- und Evaluierungskommissionen berufen, die über die Zukunft der Mitarbeiter entscheiden Ich habe in diesen Kommissionen auch erlebt, wie schwierig es war, wenn die Westprofessoren kamen Die sollten in diesen Kommissionen mitwirken, damit alles gerecht zugeht Sie hatten wenig Ahnung und Verständnis für die Situation im Osten Dieses Gefühl war schon demütigend, dass da Leute kamen, die es besser wussten, die alles mit ihrer Brille gesehen haben Die uns erklärten, wie wir Sprachunterricht machen sollten Ich erinnere mich: “Wir in Münster, wir machen das immer so” Die Qualifikation der ostdeutschen Lehrkräfte kommt auf den Prüfstand Sie müssen sich neu bewerben und konkurrieren zugleich mit Bewerbern aus dem Westen Kriterien spielten eine Rolle, die die ostdeutsche Wissenschaftler nicht erfüllen konnten: Publikationen! Wer konnte denn publizieren? Wie viele Publikationsorgane hatten wir denn? Geschweige denn im Ausland zu publizieren Das ging ja gar nicht Die konnten alle ihre langen Listen präsentieren Die Ostdeutschen standen da und hatten nichts Die Fakultät wird in ein Fremdsprachen-Zentrum umgewandelt Das benötigt nur ein Viertel der bisherigen Mitarbeiter Heidrun Katzorke bewirbt sich auf den Posten der Geschäftsführung Erfolgreich Als Führungskraft und Mutter von zwei Kindern steht sie vor einer neuen Herausforderung Denn die neuen Professoren, die bei ihren Familien im Westen wohnen, komprimieren ihre Arbeitszeit Ost auf Blockseminare in drei Tagen Wir nannten sie Di-Mi-Do-Professoren Dienstag, Mittwoch, Donnerstag waren sie da Dann packten sie alles, was zu erledigen war, in diese Zeiten Das bedeutete auch für mich: Sitzungen, Sitzungen, Sitzungen Die fingen meistens erst abends 18 Uhr an Die waren gewöhnt, dass die Frauen ihnen den Rücken freihielten Kinderbetreuung war ja nicht so Es war in gewisser Weise verpönt: “Was, du bist voll berufstätig und hast Kinder!” Ja, habe ich und es klappt Es geht gut, weil sie gelernt haben selbstständig zu sein Die sind alle was geworden Seit 2010 ist Heidrun Katzorke Rentnerin mit drei Enkelkindern Ehrenamtlich leitet sie die UNICEF-Arbeitsgruppe Chemnitz Ihre heutige Nachfolgerin des Fremdsprachen-Zentrums ist auch eine Ostdeutsche Und noch immer eine Ausnahme Wesentliche Bereiche des öffentlichen Lebens sind nach wie vor dominiert von Westdeutschen Ich kann es nicht verstehen Wir sind 30 Jahre nach der Wende Wenn man schaut, die jungen Leute, die Absolventen waren um die 90er herum, die hätten doch jetzt alle Chancen Aber es fehlt an Beziehungen, das Netzwerk, das man sich aufbaut Und es fehlt oft an Selbstbewusstsein zu sagen: Ich will auch mitmischen * Musik * Die Arbeiter des Ostens werden nicht ausgetauscht

Aber im wieder vereinten Deutschland immer weniger gebraucht Der DDR-Staat feierte sie als Helden Jetzt kämpfen sie um ihre Arbeitsplätze Während der Westen Anfang der 90er einen Konjunkturaufschwung erlebt, bricht die Ostwirtschaft immer mehr zusammen Die Betriebe gelten als nicht wettbewerbsfähig oder passen nicht in den Rahmen der Marktwirtschaft Und was nicht passt, wird abgewickelt Meine Oma war Telefonistin hier bei der Baustoffversorgung Sie hat als erstes ihren Job verloren Sie war schon über 60 Jahre Das war hart Sie nahm das als persönliche Kränkung: Ich werde nicht mehr gebraucht! Und alles, was dranhing * Musik * Wir hatten zwar in der Schule Staatsbürgerkunde Da haben wir auch viel gehört über Marktwirtschaft, Kapitalismus, den Ausbeuter Das war alles ideologisch verbrämt und man hat das nicht so ernst genommen Ein Lehrer, der in der DDR studiert hat, der nie im Westen war, was will der mir erzählen? Der kann mir auch erzählen, wie ein Vogel fliegt Er ist aber auch noch nicht geflogen und weiß es nicht Im Prinzip mussten wir es doch alles an eigener Haut erfahren Bernd Schmelzer hat mit seiner MZ 1000 Superfighter viele Länder bereist Aber als bodenständiger Mensch wollte er nie woanders leben als in seiner Heimat: Bischofferode in Thüringen * Musik * Fast 100 Jahre wurde hier Kali gefördert Dessen Qualität galt als beste Deutschlands Für die DDR war der Thomas-Münzer-Schacht ein wichtiger Devisenbringer Denn das Kali fand auch im Westen dankbare Abnehmer Bernd Schmelzer ist in Bischofferode geboren und aufgewachsen Seit 1976 arbeitet er im Schacht Er glaubt auch am Tag der Deutschen Einheit, dass sich daran nichts ändern wird Am 3.Oktober 1990 war ich Maschinist im Kaliwerk Bischofferode Drei Jahre später kämpft er um den Erhalt seines Arbeitsplatzes Von 2000 Kalikumpeln arbeiten noch 700 im Schacht Am 31. Dezember 1993 soll er geschlossen werden Doch die Bergleute wollen nicht für den Konkurrenten im Westen einfach geopfert werden Sie besetzen ihr Werk 20 von ihnen stellen in der bereits stillgelegten Betriebsküche Feldbetten auf und treten in den Hungerstreik * Musik * Auf einmal waren einige Betten leer Da dachte ich, jetzt erlahmt der Widerstand und die Reihen dünnen sich aus Das darf nicht sein, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen Da habe ich mir gesagt: Jetzt wirst du zum Revolutionär, greifst ein und besetzt dort eine Lücke * Musik * Nach 6 Wochen endet der Hungerstreik mit einem Kompromiss Der Schacht wird geschlossen Die Kalikumpel erhalten eine Abfindung Versprochen werden 700 neue Arbeitsplätze Dafür soll ein riesiges Gewerbegebiet entstehen Dort traten die Politiker auf Sie machten dort Versprechungen, um den sozialen Frieden zu halten: Niemand verliert seine Arbeit, die Leute bekommen Umschulungen Keinem wird es schlechter gehen, wir schaffen Ersatzarbeitsplätze Aber in den Jahren nach der Wende hat man gesehen: Blühende Landschaften Da nichts kam außer Absichtserklärungen Dadurch sagt man sich: Die Politik ist ein Geschäft * Musik * Nur zwei Dutzend Kalikumpel finden im neuen Gewerbegebiet eine Anstellung Mit der Betriebsschließung verliert Bischofferode hunderte Einwohner Die Bergleute fühlen sich um ihre Zukunft betrogen Und um ihr Leben * Musik * Nach der Wende haben sie diesen Ort auch “Hängehausen” genannt Bei mir im Dorf, im Wald oder hier im Hasenwald, hingen ab und zu mal Leute Ein Arbeitskollege hat sich am Spielgerüst im Garten aufgehangen

Ein Kumpel von mir, der wollte die DDR wieder haben, die soziale Sicherheit, die klare Perspektive Der ging daran zugrunde, dass er das nicht mehr hat Weil auch niemand da ist, der eine Richtung vorgegeben hat, einen Kurs, die Leute an die Hand genommen hat Und wer heute nichts selbständig denken und handeln kann, und den Biss hat, der fällt heute auch wieder runter Bernd Schmelzer erlernt einen zweiten Beruf: Baumaschinen-Geräteführer Als er fertig ist, schließt die westdeutsche Firma ihre Niederlassungen in Thüringen Er ist die neue Arbeit los, bevor sie beginnt Da habe ich mich um eine Umschulung zur CNC-Fachkraft bemüht Auf dem Arbeitsamt sah die Dame erstmal meine schulischen Zensuren Die waren nicht so rosig Das hat damals auch nicht interessiert Sie hatte Bedenken Ich sagte: Ich möchte das, und ich stehe da dahinter Da bekam ich diesen Lehrgang und schloss als Jahrgangsbester ab Das Zeugnis können Sie sich angucken Das kann sich sehen lassen Erneut geht er auf Arbeitssuche Ein Jahr lang Durch Zufall entdeckt er im Nachbarort einen Betrieb, der ihn einstellt In diesem Betrieb arbeitet er bis heute Seitdem ich dort arbeite, ist mein Portmonee dicker geworden, mein Auto und auch mein Bauch Die materielle Sicherstellung ist vorhanden * Musik * Aber dieses Gefühl von damals, der Zusammenhalt, die Menschen, die sich hier alle wohl gefühlt haben Wenn ich heute abends durch das Dorf gehe mit dem Hund: menschenleer, alles ruhig Die Einwohner sitzen meist vor ihren Flimmerkisten, ziehen sich das Programm rein, trinken ihr Bier Gut Ich vermisse diese Gemeinschaft, was damals in so einem VEB-Betrieb war Auch die Brigade hat zusammengehalten, viel gefeiert Auch die Haugemeinschaften gab es damals, die zusammengehalten und vieles gemeinsam gemacht haben Es fehlt etwas vom Menschlichen Dann kam die Zeit der Nostalgie, Ostalgie: Früher war alles besser Die Leute fielen zurück, weil ihnen etwas gefehlt hat, die soziale Wärme Sich dann auf seine eigenen Wurzeln zu besinnen und zu denken: Ach, die Schauspieler! Wenn ich an unsere großartigen Schauspieler denke, die in der Versenkung verschwunden waren! Und viel Verschnitt aus den eigenen Bundesländern auftauchte, wo man sich fragte: Wie haben die es denn geschafft, besetzt zu werden? Diese Rückbesinnung fand ganz gut Hatten die Ostdeutschen ihre Vergangenheit erst abgestoßen, fordern sie sie nur wenige Jahre später zurück Der Trabi, die “Rennpappe”, gleich nach der Wende entsorgt, wird Kultobjekt Nostalgie oder Selbstbehauptung? Ich besitze einen B1000 aus den Zeiten, ein Feuerwehrfahrzeug Ich bin ja Kamerad der Freiwilligen Feuerwehr, was ich nutze für die Kinder- und Jugendarbeit vor Ort Natürlich habe ich noch Relikte aus diesen Zeiten Die gebe ich auch nicht weg Das ist ein Stück meiner Sozialisation und Geschichte Ich habe Platten von Puhdys, von Karat, Berluc und den bekannten Größen Veronika Fischer oder so, und ich höre die Musik gerne Inszenierter Fasching in DDR-Kostümen So zieht ein Party-Unternehmen durch die Lande und eröffnet Ende der 90er die Ostalgie-Welle Ein paar skurrile Bilder genügen, um die Ostdeutschen als Ewiggestrige zu belächeln Dahinter steckt etwas anderes Das eigene kehrt zurück, das man von sich abgestoßen hat, als Erinnerung, als “es war nicht alles schlecht”, als selbstironische Vergewisserung des eigenen Lebens Ich weiß nicht genau, ob das aus den Leuten heraus kam, dass die dieses Heimatgefühl haben wollten Bei manchen ist nicht alles so gelaufen, oder es war wirklich nur auf Konsum getrimmt Deswegen hatten sie eine Sehnsucht, die alten Zeiten zurückzuholen Ribnitz in Mecklenburg

Seit 1950 vereint mit Damgarten in Vorpommern Ribnitz-Damgarten also Eine Doppelstadt im Doppelland: Mecklenburg-Vorpommern Andreas Schwanbeck ist in Ribnitz geboren Er ist DJ, der Gute-Laune-Mann zwischen Waldschänke und Altem Krug Für Geburtstag, Hochzeit, Jugendweihe Alle Jahre wieder Am 3. Oktober 1990 sind die Karten ja gefallen Direkt bei uns im Ort Wir haben gefeiert bis zum Geht-nicht-mehr Wir haben uns gefreut, dass die Wiedervereinigung so schnell vollzogen wurde Eineinhalb Jahre zuvor April 1989 Ein Kultursaal an der Ostsee Noch DDR Andreas Schwanbeck will hauptberuflich Schallplattenunterhalter werden Mit drei weiteren Anwärtern stellt er sich einer staatlichen Prüfungskommission Leute, guckt mal, wie das Mädchen schaut Moderation, Spiele und mind. 60% Ostmusik muss er offiziell draufhaben Sein Ziel ist der Profistatus im kommenden Jahr, die “Sonderstufe” Mit der kann er 10 Mark die Stunde verlangen Das reicht zum Leben Ein halbes Jahr später fällt die Mauer Ich habe im VEB Ostseeschmuck gearbeitet in den 80ern, bis Anfang der 90er Dann kam die Entlassungswelle wie in jedem Betrieb Ich war in der Materialwirtschaft tätig, wurde nicht mehr gebraucht Wir haben die Kündigung bekommen Ich war einer der ersten, die den Betrieb verlassen mussten Es gab mal den Spruch von unserem Staatratsvorsitzenden: Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Den nahm ich mir zu Herzen und machte meine Variante daraus Ich dachte, jetzt geht es los! Jetzt kannst du mal, zeigen was du wirklich möchtest Und mal zeigen, was du kannst Aus dem Amateur- Schallplattenunterhalter Andreas Schwanbeck wird ein selbsternannter Profi: DJ Schwani Sein Traumberuf 1990 war der Terminkalender voll, aber dann ging es abrupt zurück Die Locations sind weggefallen, Kneipen, wo ich gespielt habe, gerade Fischland-Darß Viele Sachen haben zugemacht aus wirtschaftlichen Gründen Andere wurden abgerissen, Eigentümer wechselten Dann habe ich mich umorientiert ’93, weil ich dachte, das wird hier nichts mehr, dein Traum ist geplatzt Andreas Schwanbeck eröffnet ein Schreibwarengeschäft Als die Supermärkte die gleichen Artikel aufnehmen, verliert er seine Kundschaft und gibt den Laden auf Er kehrt zurück zu seinem Traum Ende der 90er wird aus dem Einzelhändler wieder ein DJ Musik Querbeet von Abba bis Zappa Und auch ein paar Hits und Evergreens aus dem Osten So etwas gab es, dass Leute kommen und sagen: Spiel doch mal Ute Freudenberg, oder City “Am Fenster” Das ist nach wie vor Standard bei jeder Veranstaltung Der wird immer gespielt Diese Ostalgie-Welle habe ich auch mitbekommen Aber das war nur ein kurzer Zeitraum, wo das mehr von den Medien aufgewühlt wurde, als dass wir Ostdeutsche unbedingt die Ostmusik hören wollten War die Ostalgie-Welle also nur ein Medienspektakel? Für DJ Schwani ist der Osten nicht einfach nur ein Lied von gestern, die Erinnerung an das, was war Sondern der Ort, der ihn behalten hat, an dem er festhält: Ribnitz-Damgarten In der DDR hatte Andreas Schwanbeck Fernweh, heute hat er Flugangst Er war niemals in New York, in Rio oder auf Hawaii Ihm genügt der Strand vor seiner Haustür Jeden Tag fährt er ans Meer Zum Joggen, Baden, Spazierengehen Oder einfach nur, um aufs Wasser zu schauen und den Horizont zu sehen Er wollte nie mehr sein, als er ist Vielleicht ist das ostdeutsch Vielleicht ist das auch nur Andreas Schwanbeck Es war nicht sein Traum, reich zu werden, sondern DJ Den hat er sich erfüllt Was heißt reich werden? Es kommt darauf an, welche Ansprüche man hat Meine Ansprüche sind, dass ich meine Miete bezahlen kann Und dass ich einen kleinen Luxus habe Ich habe kein neues Auto, ich habe ein altes Auto Aber der andere, der fünf Millionen hat, ist reich Ob er glücklich ist damit, weiß man auch nicht Ich bin zufrieden, ich komme gut klar Im neuen Deutschland reich zu werden,

ist für die wenigsten Ostdeutschen ein Wunsch und auch keine Option Ihr ökonomisches Startkapital nimmt sich ohnehin sehr bescheiden aus Es bleibt unter Westniveau Noch heute ist das Nettovermögen der Privathaushalte nur halb so groß als in Westdeutschland Dagegen wird im Westen durchschnittlich doppelt so viel vererbt wie im Osten Deutschlands Als die Wende kam, dachten wir, jetzt wäre vielleicht die Chance ein Haus zu bauen Wir fanden sehr leicht ein Grundstück Der Bauer hatte etwas zu verkaufen Da haben wir sofort die Gartenlaube verkauft Das war der Grundsock, um zu bauen Immer noch mit dem Gefühl: Hoffentlich behalten wir beide unsere Stellen Und können wir uns das leisten? Es war immer ein Thema, dass Kinder aus anderen Haushalten mehr Chancen haben, weil mehr Geld da ist Wenn man in den Westen geschielt hat, war offensichtlich: Da gibt es mehr Chancen, eine Sprachreise zu machen, Klavierunterricht und Fußballspielen gleichzeitig zu machen Oder wenn man sich Markenklamotten anschaut, oder Spielkonsolen zu Weihnachten Das gab es bei uns nicht Ich wuchs mit einer Haltung auf, dass nichts von oben kommt Man muss sich viel selbst erarbeiten Wir waren doch nicht schlechter als die Westdeutschen Wenn unsere Verwandtschaft kam und die sahen, was wir so leisteten, noch zu tiefsten DDR-Zeiten Mein Cousin aus Kassel war Ingenieur und sagte: Mensch, so wie ihr arbeitet, wärt ihr bei uns schon Millionär Millionär wollten wir nicht werden Um Gottes Willen, das wäre auch gar nicht gegangen! Wir hatten ja kein Eigenkapital Das war das Schlimme Unsere Ostdeutschen hatten kein Eigenkapital Das sächsische Hirschfelde, direkt an der polnischen Grenze 1990 leben hier 3000 Menschen Ein Kohlekraftwerk, die Karbidhütte, das Chemiekombinat und drei Textilbetriebe geben Arbeit Helga Förster ist damals Leiterin der Konsum-Drogerie am Markplatz Als klar ist, dass es keine bessere DDR, sondern ein wieder vereintes Deutschland geben wird, ergreift sie ihre Chance Am 3. Oktober 1990 war ich schon selbstständig Ich wollte immer schon selbständig sein Das gelang mir nicht zu DDR-Zeiten Wir waren eine super Konsumdrogerie mit guten Angestellten Wir waren perfekt, beliebt im ganzen Umfeld Die Drogerie Hirschfelde war bekannt über die Ortsgrenzen hinaus * Musik * 1990 kauft sie dem Konsum den Laden ab und der Gemeinde das Haus Am 1. November eröffnen sie und ihr Mann den neu gestaltete Drogerie samt Farben-Center nebenan Sicherlich brauchten wir große Kredite Wir hatten ja kein eigenes Geld Die Banken gingen mit Es hat auch keiner gesagt: “Macht das nicht Überlegt euch das.” “Es wird bestimmt ganz schlimm werden.” Ich war überzeugt, wir schaffen das Der Läden läuft Doch 1992 wird die Straße vor der Drogerie aufgerissen, um Abwasserleitungen für eine neue Kläranlage zu verlegen Die Bauarbeiten erschweren den Zugang zum Geschäft Fast gleichzeitig bekommt Helga Förster Konkurrenz, einen Schlecker-Drogeriemarkt am anderen Ende des Ortes Als Anfang ’93 der Straßenbau bei uns im Ort war, kam der zweite Schlecker Ich eingekesselt von zwei Mal Schlecker Und der tat mir dann richtig weh Denn ich hatte keine Kundschaft mehr durch den Straßenbau Oder wenig Kundschaft Ich hatte immer Kundschaft, aber ich brauchte ja mehr Geld, um das zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe: die Banken zu bedienen, die ich eine ganze Weile bedient habe Aber ich musste zwei Leute entlassen Die Halbtagskräfte habe ich entlassen Und da gab es nicht bloß gute Stimmen “Die Försters, die wollten schnell reich werden.” Nein, wir wollten gar nicht reich werden Wir wollten unseren Job machen, unseren schönen Laden weitermachen Die Umsätze gehen zurück und fast komplett für die Kreditzinsen drauf Helga Försters Mann erkrankt schwer und wird Invalidenrentner Sie macht weiter, eröffnet einen neuen Geschäftszweig, aus dem Farben-Center wird ein Reisebüro Der Straßenbau dauerte nicht nur ein Jahr, sondern drei Jahre

Als das mal fertig wurde, 94/95 war der Straßenbau zu Ende, waren auch keine Leute mehr in Hirschfelde Denn in der Zeit des Zumachens der ganzen Betriebe gingen tausende junge Leute weg Eine ganze Generation war weg Und das, was dann noch da war, hatte kein Geld, war arbeitslos, war z.T. ohne Beschäftigung Was sollte da noch werden? Da hatte ich Angst Helga Förster klagt auf Entschädigung für ihre Verluste durch den Straßenbau, ohne Erfolg Sie schreibt an Ämter, Ministerien, an die Sächsische Landesregierung, bittet um Hilfe Als Antwort erhält sie Sätze wie diesen: “Menschen wie Sie sind das Herzstück der sozialen Marktwirtschaft.” Doch mit solchen Sätzen kann sie ihre Drogerie nicht erhalten 2009 geht sie in die Privatinsolvenz Ihr einziges Vermögen, eine Kapitallebensversicherung, geht an ihre Gläubiger Das Reisebüro führt sie noch weiter Bis 2017, da ist sie 75 Jahre alt Heute wohnt sie in einem Nachbarort Von den Geschäften am Markt überlebt nur die Apotheke In der ganzen Geschichte, diese 30 Jahre, haben wir viele Fehler gemacht Wir hätten vielleicht eher die Reißlinie ziehen sollen Aber wir glaubten immer: Wir schaffen das! Nach dem Straßenbau wird der Ort wieder funktionieren Aber der Ort hat nie mehr funktioniert Wir haben in diesem Ort nicht mehr das Feeling, ein Geschäftsort zu sein, ein Handelsort zu sein, ein Industrieort zu sein Es ist ein verlorener Ort Am Ende ist noch ein Haus leer, nämlich unseres Da wird genauso das Unkraut am Haus lang wachsen, wie oftmals auf dem Markt in Hirschfelde * ruhige Musik * 1989 ist im Osten Deutschlands der Anteil junger Menschen größer und der Anteil der über 64-Jährigen deutlich kleiner als im Westen Binnen weniger Jahre kehrt sich dieses Verhältnis um Die jungen Leute gehen dorthin, wo es Lehrstellen und Arbeit für sie gibt V.a. gut ausgebildete Frauen suchen das Weite Ostdeutschland erlebt einen dramatischen Bevölkerungsschwund, wie ihn sonst nur grassierende Seuchen oder Kriege hervorbringen Nach der Wende gingen 1,2 Mio höchst gut ausgebildete junge Leute in den Westen Die waren damals jung, bei uns in der DDR ausgebildet, also kostenlos, arbeiten heute noch und bringen immer noch Steuern in den Westen Wenn ich heute z.B. die Jugend im Dorf anspreche, die eine Lehre suchen, ob sie bei uns im Betrieb lernen wollen Dann sagen viele zu mir: Onkel Bernd, wir sind zwar jung, aber nicht dumm Wir gehen nach Duderstadt Dort gibt es Tarif Und damit deutlich mehr Geld Nach dem Abitur ’97 wollte ich einfach nur weg Das war der Zeitgeist Auch nicht abspenstig dessen, was man hier erlebt hat Dass man sagt “blöde Heimat” oder so Man hatte Lust auf Veränderung * Musik * Tangerhütte in Sachsen-Anhalt: eine Stadt mit 32 Ortschaften, die flächenmäßig größer ist als Frankfurt am Main, aber weniger als 11.000 Einwohner hat Seit der Wiedervereinigung hat die Einheitsgemeinde 28% ihrer Bevölkerung verloren Nach Berechnungen des Statistischen Landesamts wird sie weiter schrumpfen, um mehr als 100 Einwohner pro Jahr Andreas Brohm will das verhindern Er glaubt an die Region und ihre Chancen Er ist in Tangerhütte geboren und aufgewachsen Am 3. Oktober 1990 waren wir 5. Klasse Ich war 11 Jahre alt, die Welt hatte sich verändert Für uns hatten sich alle Werbebotschaften erfüllt,

die wir im Westfernsehen sahen Es gab eine Cola-Dose, wir konnten Knoppers essen und alles das, was man vorher nur aus den Intershops kannte * Musik * Das Glück meiner Generation war: Wir waren in einer Nische und konnten uns angucken, was passiert Für die, die kurz vor dem Abitur standen, brach alles um, und das war schwierig Bei manchen brachen die Betriebe weg Die hatten es viel schwerer als wir Wir konnten uns in Ruhe angucken, wie die Welt aussieht, das auf uns zukommen lassen Und uns dann in diesem neuen System sozialisieren und reinfinden Nach dem Abitur studiert Andreas Brohm BWL in Leipzig, macht nebenbei Theater, tourt als Kabarettist durch Deutschland, Österreich und die Schweiz Arbeit findet er in der Musical-Branche Als Company-Manager begleitet er die Produktion “We will rock you” in Zürich, Köln, Stuttgart und Berlin Ich hatte fast alles erlebt Ich wusste dann schon: Jetzt mache ich das, dann wird das passieren Man suchte nach einer neuen Herausforderung Die Frage ist dann: Warum nicht nach Hause? Ich hatte eher negative Schwingungen von hier wahrgenommen Aber da ist doch so viel da Das muss man doch darstellen können Warum macht das denn keiner? 2014 kehrt er in seine Heimatstadt zurück und wird prompt zum Bürgermeister gewählt Da ist er 35: ohne politische Erfahrung Bis heute gehört er keiner Partei an Im Musical-Geschäft habe ich dafür gearbeitet, dass jemand eine Rendite hat zwischen 4%, 5% oder 10% Jetzt geht es mir darum, dass man die Sachen eher etwas positiv sieht Dass man guckt, wo liegt die Chance, und nicht das Problem Das war auch der Jammer-Ossi Wir haben ganz viele Fähigkeiten und Fertigkeiten Aber wir haben nicht die Fertigkeiten, uns rauszunehmen und zu gucken: Wie können wir sie denn sichtbar machen? Die Stadtkasse ist leer, ein Drittel der Wohnungen auch Tangerhütte steht beispielhaft für das, was ostdeutsche Provinzen seit dem Umbruch erlebt haben: wirtschaftlichen Niedergang, Abwanderung, Überalterung Der abgehangene Osten: hier ist er Wirklichkeit Andreas Brohm will sich weder mit diesem Image noch mit diesem Zustand abfinden Was ist Arbeit? Es fühlt sich nicht wie Arbeit an Es ist eine spannende Herausforderung Das letzte große Abenteuer in Deutschland ist es Bürgermeister zu sein Weil man noch nicht erkannt hat, welche multifunktionale Aufgabe in dieser Person von den Zuständigkeiten zusammenläuft Der erste Schritt ist das Gefängnis, wenn ich morgens aufstehe, und der zweite ist die Wirklichkeit * Musik * “Entweder macht jemand etwas mit uns, oder wir machen was aus uns”, lautet sein Arbeitsmotiv Andreas Brohm will nicht den Untergang von Tangerhütte verwalten, sondern den Bürgern ihr Selbstwertgefühl zurückgeben Wie das gehen kann, hat er vor drei Jahren bewiesen Das Schloss von Tangerhütte benötigte eines neues Dach, um es vor dem Verfall zu bewahren Zwar spendierte die EU dafür Fördermittel, doch die Tangerhütter sollten dazu einen Eigenanteil beitragen Der Bürgermeister initiierte die “Aktion Dachschaden” und die Einwohner machten mit, suchten Sponsoren, organisierten Spendenläufe und Benefizkonzerte Das Dach wurde repariert und das Schloss zum neuen Stolz der Tangerhütter Meine Aufgabe kann es ja nur sein, positive Nachrichten zu erzeugen, wo man merkt: Oh, eine selbstbewusste Region! Wenn sie selbstbewusst sind, finde ich Sie attraktiver, als wenn Sie deprimiert rumlaufen So ist es auch mit Regionen Wenn eine Region selbstbewusst ist: Wir haben das und das Hier ist toll und hier ist schön, sei doch mit dabei! Und nicht: “Ja, man müsste mal …” Das Dach ist im Grunde ein Abfallprodukt Es macht das eigene Engagement sichtbar Ich brauche immer den Erfolg Ich tue etwas. Was passiert dann? Der Westen: Hier ändern sich nach der Wiedervereinigung die Postleitzahlen Einziger Ostimport: der grüne Pfeil Im Osten ändert sich fast alles

Den Deutschen in der DDR kann ich sagen: Keinem wird es schlechter gehen, dafür vielen besser Helmut Kohl verspricht den Ostdeutschen den Anschluss an ihre Träume von besserem Duft und richtiger Demokratie Die Westdeutschen staunen über das unbekannte Wesen im Osten Wen haben sie sich da bloß aufgebürdet und das gleich 16-millionenfach? * Musik * Das war damals nach der Wende das Erstaunliche: Der aufrechte Gang, das Essen mit Messer und Gabel, dass wir das auch konnten Das ist jetzt zwar übertrieben Aber so war wohl die Einschätzung Dann war man überrascht: Man konnte drei Sätze geradeaus reden Die positive Erfahrung ist erstmal, dass manche Leute uns gleichberechtigt behandeln Die sagen: Ihr seid ja okay, ihr habt es schwer gehabt Und die auch anerkennen, dass man auch gearbeitet hat Der andere Teil der Leute denkt wahrscheinlich, wir haben die Jahre vor dem Mauerfall auf dem Baum gelebt Und die haben uns alles gegeben 40 Jahre Diktatur haben marode Städte und verhunzte Menschen hinterlassen, so der westdeutsche Mehrheitsblick Aus den Brüdern und Schwestern im Osten werden die anderen Deutschen: unmündige Bürger, ohne Charakter, ohne Geschmack Und auch noch schlecht gekleidet Es war frappierend, wie oft Vorurteile kamen Z.B. die marode Bausubstanz in der DDR “Habt ihr alles verkommen lassen!” Wir haben das nicht verkommen lassen Es gab keine Möglichkeit Die Besitzer von Häusern wussten gar nicht, wie sie mit den paar Kröten für die Miete das hätten machen sollen Selbst wenn sie es gewollt hätten, gab es keine Baumaterialien Man muss die Kirche im Dorf lassen Aber ich habe auch erlebt, dass gesagt wurde: “So seid ihr gegängelt geworden? Da hätte ich mich aber gewehrt.” Das glaube ich im Leben nicht Was nach 40 Jahren der Teilung wieder zusammenwachsen soll, entzweit sich erneut Auf dem Anzug von Einheitskanzler Helmut Kohl zerplatzen rohe Eier Der Kampflatz in Halle im Mai 1991 wird zum Schreckens- und Sinnbild der künftigen deutsch-deutschen Beziehungskiste In Sendungen wie der “Wochenshow” damals gab es eine Kategorie “Captain Chemnitz” “Captain Chemnitz” hat richtig schlecht sächsisch gesprochen und zum anderen war Sächsisch das Schlechteste, was am Deutschen zusammenkam Es war behäbig, es war faul, es war immer etwas dümmlich Meine Eltern sind ursprünglich aus Sachsen, aus Leipzig Ich habe Leipzig als Kind und auch jetzt als stolze Stadt mit Bildungsbürgertum wahrgenommen Ich hatte nie den Eindruck, dass da besonders dumme Menschen leben Ich war vor den Kopf gestoßen Und diese Vorurteile damals aus dem Fernsehen haben sich durch mein Berufsleben gezogen Berlin Der Fernsehturm 1969 in Ostteil gebaut, ist zu einem Markenzeichen der ganzen Stadt geworden Und aus dem Grenzstreifen, der einst die Stadt zwischen Prenzlauer Berg im Osten und Wedding im Westen teilte, ist der Mauerpark entstanden, eine Freizeit- und Partyzone Marieke Reimann, Journalistin und Chefredakteurin des online-Magazins “zett”, lebt seit 2014 in Berlin Geboren ist sie in Rostock Am 3.10.1990 war ich zweieinhalb Jahre alt Ich ging damals in Lütten-Klein in Rostock in die Kita Ich wohnte bei meiner alleinerziehenden Mutter und meiner kleinen Schwester Ich kann mich daran erinnern, dass es für meine Eltern, insbesondere für meine Mutter, ein großer Umbruch war Sie musste sich noch einmal stark umorientieren, musste eine Umschulung machen Diese Umbrüche haben nicht nur meine Mutter betroffen, sondern auch viele Eltern meiner Freunde Die haben sich bis in unsere Lebensläufe hinein gezogen Man war mit der Situation konfrontiert, dass viele überlegen mussten: Was mache ich jetzt mit dieser neuen Situation? Ziehe ich weg aus den neuen Bundesländern? Baue ich mir woanders eine Existenz auf? Oder knüpfe ich daran an, was ich aus der DDR gelernt habe und an Werten mitbringe? Von ihrer Mutter lernt sie zwei wesentliche Eigenschaften: Unabhängigkeit und Pragmatismus Ein Ziel zu haben, das man ansteuert Marieke Reimann weiß sehr früh, was sie will: Journalistin werden

Nach dem Abitur verlässt sie Rostock Ich glaube, dass tendenziell unter jungen ostdeutschen Frauen der Drang stärker ausgeprägt ist, zu Bildung zu kommen, etwas aus sich zu machen Die Möglichkeiten, die man jetzt hat, die die Eltern vielleicht hatten, zu nutzen Und dass keine Abhängigkeit besteht einen Mann finden zu müssen, um als Frau über die Runden zu kommen Das schon mal gar nicht! Oder sofort eine Familie gründen zu müssen, um diese Sicherheit zu haben Marieke Reimann studiert in Ilmenau und München Sie arbeitet quer durch das Land bei Fernsehsendern, Zeitungen, Magazinen Und merkt, das Deutschland noch immer gespalten ist, in Nachrichten über den Westen und den Osten Mir ist früh aufgefallen, als ich als junge Journalistin in Köln gearbeitet habe, dass es wenig Platz gibt für ostdeutsche Themen In dem Jahr, als ich da gearbeitet habe, sind erst Vaclav Havel und kurz darauf Christa Wolf gestorben Ich dachte: Wir müssen etwas dazu machen Das ist relevant Zumindest für einen Teil der Bevölkerung in Deutschland Die Leute aus meiner Redaktion wussten nicht, wer diese Menschen sind, die da gestorben sind Da wurde mir klar: Es gibt eine ganz große Lücke Zum einen im kulturellen Verständnis darüber, was Deutschland ist und was es damals war Und es gibt wenig Interesse daran, diese Stereotype einmal zu überspringen Das Westdeutsche wird immer als die Norm betrachtet Nicht nur im Journalismus, sondern auch im Gesellschaftlichen Man misst “den” Ostdeutschen, als wären wir eine homogene Masse, immer so an dem westdeutschen Ideal Marieke Reimann hört keinen Ostrock, fährt keinen Trabant und trägt ihre Herkunft nicht wie ein Aushängeschild vor sich her Ostdeutsch wird sie erst durch den westdeutschen Blick, durch anhaltende Vorurteile und Klischees, die die Ostdeutschen noch immer über einen Kamm scheren Nach dem Motto “So isser, der Ossi” Die Mauer als Leinwand Im Mauerpark darf jeder Künstler sein Jeder findet sein Publikum Nirgendwo ist Deutschland so international Wo einst eine Grenze Ost und West teilte, sind Herkunft und Anderssein kein Makel Gegensätze ziehen sich an Verschiedenheit wird zum gemeinsamen Erlebnis Hier spricht niemand von der Vollendung der inneren Einheit Deutschlands Hier findet sie statt Der Mauerpark: ein Vorbild? Es geht gar nicht darum, die DDR-Historie zu überwinden, sondern von beiden Seiten mehr Offenheit zu finden Dass man sich die Hand gibt und auf Augenhöhe begegnet Ansonsten hängt auch viel damit zusammen, wie die Nachfolge-Generationen sozialisiert werden Wenn meine Freunde oder ich Kinder kriegen, ist es so, dass wir Werte wie Jugendweihe oder Weihnachten weitergeben Wie verbringe ich meinen Sommerurlaub? (lacht) Am FKK-Strand oder nicht? Ostdeutschland heute: restaurierte moderne Städte, saubere Fabriken, rekultivierte Landstriche Die Ostdeutschen haben an Lebensqualität gewonnen Das ist die gute Nachricht Die andere: Ostdeutschland ist Niedriglohngebiet, ohne wirkliche Kapitalbildung, ohne eigene Eliten Es gibt weniger Weihnachtsgeld, weniger Rente Und die Enttäuschungen und Verletzungen der 90er wirken fort Wir haben auch Bekannte, wo er sehr schnell abgewickelt war als Ingenieur Er verkaufte dann Möbel Er musste sich mit einem Wessi- Geschäftsführer herumschlagen, der so unsensibel auf alles reagierte Diesen Frust wird er sein Leben lang nicht verlieren Da bleibt auch ein sehr kritischer Blick auf diese Gesellschaft Sie müssen sich überlegen: Wenn sie heute hier im Osten sind und arbeiten, haben Sie vielleicht ein Brutto von 2000 Euro Das ist viel Mit Schichtzuschlägen kommt man auf ein schönes Gehalt Aber wenn sie an später denken: Die Rente beträgt ja in ein paar Jahren 43% des letzten Nettoverdienstes Das wären bei mir um die 850 Euro Und 850 Euro, das ist ungefähr Sozialhilfesatz plus Wohngeld

Und dafür 40 Jahre in Schichten arbeiten oder länger? Da habe ich mir überlegt: Wäre es nicht günstiger gewesen, ich würde mich mit einer Bierbüchse vor Aldi setzten und den Tag genießen? Es gibt gewisse Ansprüche Und einer ist, für eine vernünftige Qualifikation vernünftig bezahlt zu werden Dass ich für eine Berufserfahrung, die ich mitbringe, einen vernünftigen Lohn bekomme Dann trifft man hier auf Menschen, die sind vernünftig qualifiziert, haben 30 Jahre Berufserfahrung, bekommen den Mindestlohn Aber der Lohn steigt nicht in Abhängigkeit der Leistungsfähigkeit, sondern in Abhängigkeit der politischen Entscheidung, ob ich den Mindestlohn dieses Jahr erhöhe oder nicht Das entwertet die Lebensleistung von Menschen Dieser Umstand wird als ungerecht empfunden Herbst 2014 Tausende Menschen treffen sich vor der Dresdner Semper-Oper Sie nennen sich “Patriotische Bürger gegen die Islamisierung des Abendlandes” Und rufen “Wir sind das Volk!” Da ist eine Menge Angst dabei Eine Angst von Ostdeutschen, die erlebt haben, wie schnell ihnen der Boden unter den Füßen 1990 weggezogen war Das könnte wiederkommen, die Unsicherheit: Ich könnte wieder der Verlierer sein Das sitzt ganz tief Eine Angst, die umgeschlagen ist in lautstarken Frust Und in den Protest gegen eine neue Konkurrenz: Migranten, die einem nicht nur die Arbeit nehmen, sondern das bekommen, was ihnen, den Ostdeutschen, angeblich versagt wurde: Hilfe, Vertrauen, Respekt Aus den Jammer-Ossis der 90er werden die Wutbürger der Gegenwart Wir waren aus einer Generation, die die DDR noch erlebt hat, und die ganze Wendegeschichte nicht so gut verkraftet hat Das sage nicht nur ich, das hört man im Allgemeinen Fragen Sie meine Generation! Die sind unzufrieden Mit dem, was den Ostdeutschen passiert ist nach der Wende Das kommt jetzt richtig raus Vorher ging das noch nicht Es wird alles konfrontativ gesehen Das ist jetzt eben so, dann hauen wir auf die Ausländer drauf Diese undifferenzierte, spontane Wut ist etwas, das mir sehr fremd ist Das ich wahrnehme und nicht so richtig einordnen kann Ich weiß nicht, wie man dem richtig begegnet 2015 strömen fast 900.000 Flüchtlinge unkontrolliert nach Deutschland Angela Merkels Ruf “Wir schaffen das” empfinden viele Ostdeutsche nicht als Ermutigung für eine Willkommenskultur Sondern als Ausdruck einer arroganten Macht, die über die Köpfe des Volkes hinweg entscheidet Der Fremdenhass der 90er kocht wieder hoch, versammelt sich vor Flüchtlingsheimen, auf Markplätzen und in den Stimmen für eine neue Opposition: die AfD Können wir für all diese Menschen ein sicherer Hafen sein? Das wäre die eine Frage, ob es überhaupt leistbar wäre, wenn man es wollte Die andere Frage ist: Will man dieser sichere Hafen für all diese Menschen sein? Unter Inkaufnahme des Verlustes der eigenen Identität, eigener Sicherheitsbedürfnisse, eigener ökonomischer Errungenschaften * Musik * Hinter dem Oder-Havel-Kanal im Nordosten des Landes Brandenburg liegt Eberswalde Im Osten Deutschlands berühmt für seine Wurstwaren Die Kreisstadt hat 40.000 Einwohner und einen Ausländeranteil von 6,5% Hier hat Rene Springer vor einem halben Jahr einen neues Wohnquartier gesucht und gefunden Sein Arbeitsort ist Berlin Er ist Abgeordneter des Bundestages Am 3. Oktober 1990 war ich 11 Jahre alt und lebte mit meinen Eltern und zwei Geschwistern in Berlin-Marzahn Ich ging in die 27. Polytechnische Oberschule Das Leben in der Platte hat mich geprägt Ich habe gelernt, mit einfachen Dingen zurechtzukommen und sie zu schätzen im Leben Es gab keinen großen Luxus Meine Eltern und wir waren sozial abgesichert Wir hatten eine moderne Wohnung, wenn auch eine Plattenbauwohnung Und wir hatten das Geld und die Möglichkeiten Urlaub zu machen

In den Sommerferien an die Ostsee zu fahren oder nach Sachsen-Anhalt, dort an die Elbe Und auch nach der Wende haben wir so weitergelebt Wir sind dann nicht auf- und ausgebrochen nach Mallorca oder an die Adria, sondern haben so weitergelebt Nach seinem Schulabschluss wird Rene Springer Zeitsoldat bei der Marine Er absolviert eine Ausbildung zum Elektroniker, wird Meister für Elektrotechnik CDU-Generalsekretärin Angela Merkel schüttelt ihm im Sommer 2002 die Hand Aber mehr beeindruckt ihn Gerhard Schröder, der gerade regiert Rene Springer wird er Mitglied der SPD 2006 meldet er sich freiwillig zum Einsatz in Afghanistan, 192 Tage Er gehört zum internationalen Beraterstab, der den Wiederaufbau der afghanischen Streitkräfte vorantreiben soll Dann stellt man fest, dass es unüberbrückbare kulturelle Differenzen gibt Und dass der Anspruch die Demokratie zu übertragen auf eine Region, die diese Erfahrung historisch vorher nie gemacht hat Da macht man sich etwas vor, wenn man glaubt, dass man das erfolgreich durchziehen kann Am Ende seines Einsatzes fragt er sich, was deutsche Soldaten am Hindukusch verloren haben In Deutschland engagiert er sich in der Kommunalpolitik bei einem Ortsverband in Greifswald Doch die Genossen enttäuschen ihn Es brachte mich auf die Palme, dass es vorher eine Kooperation gab zwischen SPD und CDU in der Bürgerschaft Es wurde lang und breit diskutiert, die Kooperation nicht fortzusetzen, weil man gemerkt hat, dass die SPD darüber ihr Profil verliert Dann gab es sogar einen Beschluss, dass nach der Kommunalwahl in der neuen Bürgerschaft die Kooperation nicht eingegangen werden sollte Doch genau das geschah Das war nicht mein Politikverständnis Wenn ich einen Beschluss der Basis habe, halte ich mich daran und fange nicht hinterher an, den Beschluss in Frage zu stellen Denn das ist der Anfang von Wählertäuschung Rene Springer tritt aus der SPD aus Als seine Dienstverpflichtung bei der Bundeswehr endet, studiert er Politikwissenschaft Danach meldet er sich beim Jobcenter Das war die klassische Bewerbungsphase Nun hatte ich mein Studium gut abgeschlossen Ich war nicht nur Politologe mit einem Einser-Abschluss, sondern auch ein gut qualifizierter Meister mit Auszeichnung Ich habe alles mitgebracht, womit man auf diesem Arbeitsmarkt Erfolg haben müsste Dann komme ich ins Jobcenter, um für zwei Monate Überbrückung Sozialleistung zu beantragen, und sehe mich konfrontiert mit einem Mitarbeiter, dem das alles egal war Er legte mir acht Stellen- ausschreibungen auf den Tisch, vier für Call-Center und vier für Gastronomie Und er sagte: “Bewerben Sie sich sofort, sonst sanktioniere ich Ihnen die Leistungen.” Dass ich in der Woche schon 16 Bewerbungen rausgeschickt hatte, hat ihn gar nicht interessiert In den zwei Monaten wurde meine Würde auf eine Art angegriffen, wie ich es bis dahin nicht erlebt hatte Das ist hängen geblieben Rene Springer hat nicht vor, nach seinem Studium aktiv in die Politik zu gehen Er will wissenschaftlich arbeiten Ein ehemaliger Kommilitone praktiziert bereits Politik und wirbt ihn für seine Partei: Alternative für Deutschland Die hatte Rene Springer bisher nur als Euro-Gegner wahrgenommen Nun beschäftigt er sich mit deren Programm Das war eine Programmatik, die war so breit gefächert, wie man es vorher von den Volksparteien kannte Aber ausdifferenziert in einer Weise, das hat mich sofort angesprochen Es brachte im Grunde all die Verwerfungen auf den Punkt, die sich durch die Globalisierung ergeben haben Dass Landflucht keine Option ist Sondern dass man Voraussetzungen dafür schaffen muss, dass ländliche Räume wieder attraktive Lebensräume werden Dass man Zuwanderung steuern muss, dass die Kita-Gebühren endlich wegfallen sollten Dass es doch nicht sein kann, dass man Menschen damit belastet, dass sie Kita-Beiträge entrichten V.a. Menschen, die sich oft selbst in prekären Situationen befinden Das war für mich ein attraktives Programm Bundestagswahl 2017 In Ostdeutschland wird die AfD die zweitstärkste Kraft mit 22% Doppelt so viel wie in den alten Ländern

Die AFD zieht in den Bundestag Nur ein Stimmungswechsel? Oder eine politische Zäsur? Wer hat da wen gewählt? Ich glaube, dass viele Leute Wendeverlierer sind Diese unglücklichen Wendeverlierer möchten, dass etwas anders ist Aber sie wissen nicht so ganz, wie sie das schaffen können, dass etwas anders ist Sie wollen oft nichts selber machen, sondern wollen von oben gesagt kriegen: “Guck mal, hier hast du es wieder schön.” Dann wählt man eine autoritäre Partei, die könnte einem das auch so schön wieder vorgeben Nichtsdestotrotz, dass es diese Gründe gibt, ist nichts auf der Welt eine Rechtfertigung dafür, um Rechtsextremisten zu wählen Und um Menschen Macht zu geben, deren Motivation Hass ist Wenn man liest oder auch weiß, dass der Landkreis Görlitz die schlechtesten Löhne in Deutschland hat Ich meine, ich habe Rente Dann sieht man doch, dass wir immer noch die Verlierer sind, die Verlierer der Gesamtsituation Wenn das so weiter geht, und der Landkreis hat sehr viele AfD-Wähler, da frage ich mich, was bei der nächsten Bundestagswahl werden soll? Die Menschen sind damit unzufrieden, dass eine kulturelle Aufarbeitung nicht stattgefunden hat Sie sind damit unzufrieden, dass sie sich von den etablierten Parteien viel mehr versprochen haben Die führen aber kein Programm mehr für Ostdeutsche Am Ende ist es vielleicht auch so: “Ich habe denen mal so richtig einen Denkzettel verpasst.” Und vielleicht ist nicht die Frage, wem sie da was gegeben haben Sondern sie haben nicht für etwas gestimmt, sondern wollten den anderen eine auswischen Das ist eine ganz andere Entscheidung Wie gehe ich mit jemandem um, der gar nicht das meint, was er angekreuzt hat? Sondern der meint: “Du bist blöd, nimm mich ernst.” Wie ein Kind, das schreit am Tisch, dem ich sage: Sei jetzt ruhig! Der will wahrgenommen werden Das habe ich mir auch ganz lange versucht einzureden Ich habe immer gedacht, das sind ja Protestwähler So wie eine Zeitlang in den 90ern gesagt wurde, die PDS damals als Nachfolgepartei der SED, das seien Protestwähler Aber ich bin nicht mehr bereit, den AfD-Anhängern Protestwählerschaft zuzugestehen Die wählen mit Absicht diese Partei Nicht um einer anderen Partei zu sagen: Streng dich mal mehr an! Sondern, weil sie diese Partei haben möchten Was für eine Partei ist da in den Bundestag eingezogen? Eine neue Kümmer-Partei, rechts statt links, die angeblich noch ein Gespür dafür besitzt, was die Menschen umtreibt? Rene Springer ist seit 2015 Mitglied der AfD, seit 2017 Bundestagsabgeordneter, seit Mai 2020 Sprecher für Arbeit und Soziales seiner Fraktion Ich erinnere mich an eine Bundestagsdebatte, wo ich am Pult stehe, und über Hartz-IV-Zahlen rede Und aus der linken Ecke, aus der Links-Fraktion, kommt der Ruf “Nazi”, bloß weil man Arbeitslosenzahlen referiert Indem ich jemanden als Rechten, Rechtsradikalen oder Rechtsextremisten bezeichne Oder wie es mir passiert ist, im Plenum als Nazi beschimpft zu werden Das ist ein billiges Mittel, um Parteien zu stigmatisieren und sie in einen Bereich zu schieben, wo es bequem ist zu sagen: Mit denen muss ich mich nicht unterhalten Ich finde nicht, dass man AFD-Politikern und -Politikerinnen eine Bühne geben muss, in Talkshows, in Berichten etc Wir sind an einem Punkt, an dem klar ist, dass die offen fremdenfeindlich sind, dass sie rechtsextrem sind, dass sie antisemitisch sind, dass sie auch gegen Frauenrechte sind Das heißt aber nicht, dass man nicht mit den Leuten reden sollte, die die AfD gewählt haben oder das vorhaben Die Leute, die ich kenne, die AFD wählen Ich unterhalte mich öfter auch mit solchen Die wollen einen Wechsel von der Politik Sie sagen: Für Wohnungsnot, sinkende Renten, Geldentwertung sind die Parteien verantwortlich, die jetzt alle dran sind Wenn die AfD dran käme, dann müsste sie beweisen, ob sie etwas ändern will oder kann Wenn sie das nicht schaffen, sind sie genauso schnell weg,

wie alle anderen auch (Rufe) Wir sind das Volk! Im November 1989 riefen die Menschen: Wir sind das Volk! Selbstbewusste Bürger begehrten auf Seit den Pegida-Umzügen erlebt dieser Ruf eine Renaissance Wer ruft da heute? Und was für ein Volk tritt da hervor nach 30 Jahren im vereinten Land? Für die Gegenwart kann ich sagen: Ich stand selber auf Demos und habe “Wir sind das Volk!” gerufen Für mich ist das ein Ausdruck zu sagen: Seht her, wir sind das Volk! Wir nehmen nicht in Anspruch, das Volk zu repräsentieren, sondern “Wir sind auch noch da.” Wann sind unsere Interessen im Zentrum des politischen Handelns? Da, wo es hingehört und wo es so gemeint war und wo es echt war: Das war 1989 Und wenn das jetzt zu allen möglichen Anlässen verkommt, dann finde ich das plump, nachgemacht, unpassend Warum sagt ein Pegida-Anhänger auf einer Demo, er ist das Volk, und sagt mir damit, ich bin es nicht? * Musik * 30 Jahre im vereinten Land Und nun? Wie geht es weiter? Mit erneutem Jubel über die Einheit? Aber wer jubelt? Und wo sitzt die AfD bei diesem Fest? Noch immer fühlt sich fast jeder zweite Ostdeutsche als Bürger 2. Klasse Nur ein Gefühl oder Realität? Fazit oder Zwischenstand? Wir haben in der Schule gelernt: Das Sein bestimmt das Bewusstsein Es ist einfach etwas dran Es werden den Ostdeutschen die Unterschiede immer noch, 30 Jahre nach der Wende, präsentiert Warum gibt es unterschiedliche Gehälter? Wenn man in der gleichen Firma angestellt ist, bloß in einer Außenstelle im Osten, verdient man ein anderes Gehalt als im Westen, für die gleiche Arbeit So lange das nicht gleich behandelt wird, gibt es keinen Grund, sich gleich zu fühlen Es ist falsch, sich nur auf die Unterschiede zu konzentrieren Es gibt auch genügend Gemeinsamkeiten Indem man immer sagt: “Das ist anders und der ist besser” reproduziert man diese Unterschiede ja nur Damals waren wir Menschen 2. Klasse So sehe ich mich heute nicht mehr Heute ist das auch nicht mehr so Aber damals war das so Wir wurden nicht gehört Es war den Menschen, die hier alles veränderten, die Treuhand also, egal, was aus den Menschen wurde Und wenn heute die Frau Breuel sagt, sie hat mir ja geschrieben: Sie müsste sich bei den Ostdeutschen entschuldigen Die Westdeutschen hätten das nicht durchgestanden. Punkt Untertitel: rbb 2020 Katharina Czapp