Experiment: Afrikaner enteignet deutsches Dorf | STRG_F

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Experiment: Afrikaner enteignet deutsches Dorf | STRG_F

Wie fühlt sich das an, wenn der eigene Ort enteignet wird? Wir haben ein Experiment gemacht Um was geht es denn? Wo soll die Fabrik stehen? Auf dem Acker? Das ist ja toll, auf dem Acker? Augenblick mal, was haben Sie mit dem Trinkwasser zu tun? So etwas passiert in Afrika tatsächlich Was hat das mit uns zu tun? Das ist Abass Kamara aus Sierra Leone Er will hier groß investieren In eine Plantage Dafür braucht er nur noch das Land der Bauern Hallo, schönen guten Morgen Wir sind von der Firma Sunnut Wir haben hier das Land gepachtet Um was geht es denn, bitte? Wo soll die Fabrik stehen? Auf dem Acker? Da werden Sie nicht bauen können Da gibt es keinen Bauantrag, keinen Flächennutzungsplan Und schon kommt der Eigentümer des Ackers Um was geht es? Es geht darum, dass wir demnächst hier eine Fabrik aufziehen Das ist ja toll. Auf dem Acker? Ja. – Können wir mal sehen? Hier kommt die Fabrik hin Hier, dass Sie uns das Land für 50 Jahre überschreiben Sie bekommen auch zwölf Dollar pro Hektar Das ist ja super Zugegeben, wir haben die Investoren erfunden Aber so abwegig, wie das erscheint, ist das Ganze nicht In Abass Heimat ist das wirklich passiert Im echten Leben ist Abass nämlich gar kein Investor Er arbeitet in Sierra Leone für eine Organisation, die für die Rechte von fast 25.000 Menschen kämpft Zum Großteil Kleinbauern Denen das Land von einem Großkonzern abgeluchst wurde Und das alles unter dem Label Entwicklungsprojekt Für uns klang das unvorstellbar Deshalb sind wir 2016 selbst nach Sierra Leone gereist Um uns ein Bild zu machen Abass will uns damals schon dabei helfen, zu verstehen, was es wirklich bedeutet, wenn Investoren dein Land haben wollen Wir haben zu dem Zeitpunkt bestimmt nicht erwartet, dass uns diese Recherche noch Jahre begleiten wird Alles beginnt mit der Idee für ein riesiges Projekt, die erstmal gut klingt Aus Zuckerrohr soll Benzin gewonnen werden Aus verbrannten Pflanzen-Resten Elektrizität Das Projekt soll dem Konzern Profit bringen Und den Menschen in Sierra Leone neue Jobs Eine bessere Infrastruktur und Entwicklung Der Investor ist ein schweizer Finanzkonzern Addax Bioenergy macht damals noch rosige Versprechungen Auch unterstützt von der deutschen Politik Der Finanzinvestor als Entwicklungshelfer Er verspricht nachhaltige Standards und soziale Lösungen Bei Abass klingt es schon kurz nach Projektstart ganz anders Es fließen mehr als 400 Mio. Euro in das Projekt

Die größte Agrarinvestition, die es in Sierra Leone jemals gab Möglich wird es erst durch die europäischen Entwicklungsbanken Sie finanzieren das Projekt zur Hälfte mit Darunter auch die DEG Die kämpft im Auftrag der Bundesregierung für eine bessere Welt Willkommen bei der DEG Der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft Seit mehr als 50 Jahren fördern wir unternehmerische Entwicklung Und tragen so dazu bei, Armut weltweit zu mindern Nach Entwicklung sah es hier am Anfang auch aus Die Investoren ließen Brunnen bauen Versprachen den Bauern ein besseres Leben Wir haben dieses Dorf schon vor drei Jahren besucht Und mit den Bewohnern gesprochen Mari Kanu führt uns zu dem Feld, das sie früher selbst bewirtschaftet hat Als die Investoren kamen, überschrieb ihre Familie den Acker an Addax Es war der erste Vertrag ihres Lebens Das Land gehört jetzt Addax Und von der Pacht, die bei mir ankommt, kann ich kaum leben Dabei haben sie uns versprochen, dass wir neue, bessere Felder bekommen Nun haben wir gar nichts mehr Kein Land. Kein Geld Das Land kann Mari nicht mehr selbst bewirtschaften Es gehört ihr nicht mehr Für 50 Jahre So lange musste sie es an Addax verpachten Maris Existenz hängt von da ab vom Erfolg des schweizer Investors ab Wie die Existenz aller hier im Dorf Der Konzern sagt uns damals, man habe das Leben der Menschen verbessert Maris Sohn kann jetzt nicht mehr zur Schule gehen Weil das Projekt nicht gut läuft Dabei sind Dinge, wie Bildung, Essen, Wasser doch Menschenrechte, die nicht vom Erfolg einer Firma abhängig sein sollten Gehen wir noch mal zurück zu unserem kleinen Gedankenspiel Mich wundert nur, dass uns die Gemeinde nicht unterrichtet hat Sie müssten dann hier und da noch mal unterschreiben Das unterschreibe ich sowieso nicht Warum nicht? Weil das nicht in Deutsch geschrieben ist. Ganz einfach ist das Wenn ich was unterschreibe, dann unterschreibe ich ein Dokument in deutscher Sprache Und nicht in Englisch. Bitteschön Wir wollten Ihnen noch einen Kanister hierlassen Weil hier bald eine Fabrik hinkommt, kann es sein, dass Ihr Trinkwasser bald nicht mehr so rein ist Damit Sie für die Vorsorge noch etwas haben Augenblick mal. Was haben Sie mit dem Trinkwasser zu tun? Trinkwasser war für Mohamed früher auch kein Thema Denn hier, direkt neben seinem Dorf, lag einmal fruchtbarstes Land Mit einer Wasserquelle Bis Addax kam und die Böden trocken legte Weil ihr Zuckerrohr dann besser wachsen sollte Für die Bauern erklärten sie das Land zum Sperrgebiet Addax will damals Ersatz schaffen Stellt andere Ackerflächen zur Verfügung. Verteilt Saatgut Und vermietet Maschinen Teil des Modellprojektes Die Bauern sagen, der Anbau auf den neuen Feldern habe nie gut funktioniert Der Rat des Dorfes kommt zusammen Ihr Sprecher erzählt von der Nacht, die ihr Schicksal besiegeln sollte Ein Abgeordneter kam in der Nacht und wollte uns sprechen Wir sollten ein Dokument unterzeichnen Er sagte: “Unterschreibt das!” Wir haben ihm gesagt, wir verstehen nichts von alldem

Und du sagst, wir sollen das unterschreiben? Er sagte: “Ja, unterschreibt das Dokument. Ich bin euer Abgeordneter.” “Ihr könnt mir vertrauen, auch wenn ihr es nicht versteht.” So ging auch ihr Land an Addax Dort bestreitet man den Vorfall Die Bewohner seien gut informiert worden Sie hätten gewusst, was sie da unterscheiden Doch entscheiden die Menschen hier überhaupt selbst? In Sierra Leone laufe das anders als in Deutschland, sagt Abass Hier lebt der Chief der Region Sein Wort sei Gesetz Er entscheidet über Land-Fragen Man müsse normalerweise Wochen um einen Termin bitten, erklärt Abass Wir haben Glück, der Chief empfängt uns Einen echten Thron hat er Einen Flachbildfernseher Mehrere Frauen Er versteht die ganze Aufregung nicht Der Chief kassierte damals übrigens jährlich mehrere Tausend Dollar von Addax * Skype-Klingeln * Hallo, Silva. Hi, Christian Die beiden arbeiten für “Brot für alle” Eine schweizer NGO, die das Projekt seit Jahren kritisch begleitet Diesen Monat reisen sie nach Sierra Leone Ich will wissen, wie es den Menschen dort heute geht Habt ihr die Möglichkeit, Protagonisten aus unserem Film von damals zu treffen? Vielleicht auch von den Dorfbewohnern welche zu treffen? Für uns? Es ist super, dass ihr jetzt genau hinfahrt Ich bin gespannt, was ihr erleben werdet Dann schreiben wir noch mal Und dann hören wir uns, wenn ihr dort seid. Noch mal. Vielen Dank Gute Reise, bis dann. Tschüss Addax Bioenergy stellt 2015, nach nur vier Jahren, den Betrieb ein Das angeblich so nachhaltige Projekt ist gescheitert Die Menschen hier gerieten in ein großes Spiel Dessen Regeln sie nicht mal erahnen konnten Offiziell heißt es, an dem Aus sei die Ebola-Epidemie von 2014 schuld Das behaupten zumindest Addax und die DEG Bis heute. Aber stimmt das? Oder war es letztlich auch einfach ein schlechtes Geschäft? Heute steht fest, dass die Produktionseinnahmen damals viel geringer ausfielen als erhofft Anstelle der geplanten 19 Mio wurden gerade mal 7 Mio. Liter Ethanol pro Jahr produziert Dann fielen auch noch die Energiepreise in Europa 2016 verkauft Addax 75% an den chinesisch-britischen Investor Sunbird Und zahlt alle Kredite an die Entwicklungsbanken zurück Auch an die DEG Der Profit bleibt aus, der Investor verkauft Die Entwicklungsbanken bekommen ihr Geld zurück Und die Bauern? Für sie gibt es keine Exit-Strategie Die Frage ist, wer übernimmt die Verantwortung für die 25.000 Menschen? Schon 2016 wollten wir von der DEG wissen, ob sie sich auch nach dem Scheitern für die Menschen im Projektgebiet verantwortlich fühlt? Der Herr Kamara kann gerne reinkommen Aber, wie gesagt, Sie müssen draußen bleiben Den Rest machen Sie bitte über die Pressestelle Your invited Immerhin, die DEG gewährt Abass einer Audienz. Ohne Kameras Er verschwindet in der Bank Und kommt 90 Minuten später wieder raus Ob daraus etwas wurde?

Hier in Berlin soll die Arbeit der DEG eigentlich kontrolliert werden Von der Bundesregierung Als Abass 2016 in Deutschland ist, schafft er es, dass sein Thema im Bundestag besprochen wird Die Deutschen sollen verstehen, was das Projekt in seiner Heimat angerichtet hat Herr Staatssekretär Silberhorn Wir haben hier auf der Zuschauertribüne heute Herrn Abass Kamara sitzen Der Linken-Abgeordnete Niema Movassat befragt die Bundesregierung zur Verantwortung der DEG Wenn ein Vertreter der Bauern heute hier ist, biete ich gerne an, dass wir Kontakt aufnehmen Der damalige Staatssekretär Thomas Silberhorn verspricht, man nehme die Sorgen der Menschen ernst Und schaue, was man tun könne Abass fährt damals mit einer kleinen Hoffnung zurück Vielleicht kommt ja jemand von der DEG oder der Regierung nach Sierra Leone Seitdem sind drei Jahre vergangen Ich bin weiter mit Abass in Kontakt geblieben Wir hatten uns schon mehrere Male zum Skypen verabredet Aber die Verbindung hat nie lange gehalten Tja, wieder weg Hi Abass hat jetzt Besuch von Silva und Christian von der NGO “Brot für alle” Sie machen sich für uns auf den Weg in die Dörfer, die wir schon 2016 besucht hatten Hier standen früher zum Teil Wälder. Obstbäume Feuchtgebiete ermöglichten mal eine gute Ernte Der Weg in das Dorf von Mari Die uns vor drei Jahren ihr Feld gezeigt hatte Die Situation hat sich noch verschlechtert Mittlerweile muss ich importierten Reis kaufen Für teure 1400 Leons pro Cup Es ist schwer für uns, zu überleben Die speziellen Programme mit Flächen zum Ausgleich für die Bauern, zu denen Addax sich damals verpflichtet hatte, die gibt es heute gar nicht mehr Dafür hat der neue Investor nun auch andere Pflanzen für die Bio-Sprit-Produktion getestet Darunter Cassava In Sierra Leone ein Grundnahrungsmittel, wie Reis Landwirtschaftsministerium Sierra Leone. World-Food-Programme Es gibt hier wohl eine ganz neue Studie, die die Nahrungsmittelsicherheit in den verschiedenen Regionen von Sierra Leone untersucht hat Es sieht hier so aus, als sei genau im Projektgebiet die Situation deutlich schlechter geworden 46 % waren es 2018 61 % sind es 2019 15 % mehr Menschen leiden täglich Hunger als noch vor einem Jahr Das ist natürlich wirklich viel Ein Wiedersehen auch in Mohameds Dorf, der uns 2016 mit an die Wasserstelle genommen hatte Er erzählt, dass die Abwässer der Ethanol-Fabrik zunehmend auch das Grundwasser verschmutzen würden Ein Dorf müsse deshalb sogar komplett umgesiedelt werden Mohamed zieht nach all den Jahren ein bitteres Resümee Von den 5.000 versprochenen Jobs

soll es momentan nur 800 unregelmäßig Beschäftigte geben Offizielle Zahlen gibt Sunbird uns nicht Bessere Infrastruktur, Entwicklung, die Menschen spüren von all dem nichts Bloß ihr Land ist für 50 Jahre verpachtet Die Vereinbarungen, die aus der Idee einst ein Modellprojekt machen sollten, sie zählen für den neuen Investor nicht Und was ist mit den Entwicklungsbanken? Die das Projekt anfänglich mitfinanziert hatten? Momentan bleibt nur die kleine NGO von Abass, die mit ihren Partnern weiter versucht, das aufzufangen, was das Projekt angerichtet hat Dafür wollen sie mit der Welthungerhilfe nun auch Geld aus Deutschland beantragen Ohne die Entwicklungsbanken wäre dieses Projekt nie zustande gekommen Und deshalb sind sie mitverantwortlich für die Situation der Menschen vor Ort Dazu gab es in diesem Jahr eine Kleine Anfrage Darin erklärt die Bundesregierung: Wir teilen die Auffassung nicht, dass die Lebenssituation der Menschen vor Ort durch das Projekt und sein Scheitern Schaden genommen hat Damit sagt die Bundesregierung, sie glaubt nicht, dass es den Menschen durch das Projekt schlechter geht Obwohl Studien das eindeutig belegen Bis heute war übrigens niemand wieder im Projektgebiet Um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen Weder von der Bundesregierung, noch von der DEG Das bestätigen uns beide auf Nachfrage Und so zieht wohl auch niemand Lehren aus diesem Scheitern für zukünftige Projekte Die Bundesregierung, sie setzt weiter auf den privaten Markt als Entwicklungshelfer Mit einer Mrd. Euro Förderung Das “Big-Business” soll es richten Wir als Europäer haben ein großes Interesse daran, dass die Staaten Afrikas gute wirtschaftliche Perspektiven haben Dazu bedarf es staatlicher, aber vor allem eben auch privater Investitionen Wie wir von staatlicher Hilfe hin zu privaten Investitionen kommen, das ist die große Aufgabe, das ist auch moderne Entwicklungspolitik Wie sie unser Minister Gerd Müller auch entwickelt Moderne Entwicklungspolitik? Die fest an dem Glauben festhält, dass Anreize für Unternehmen ein sicherer Motor für Entwicklung sind Gehen wir ein letztes Mal zurück nach Oerzen Hier wäre das freie Spiel eines Investors natürlich undenkbar Sunnut auf dem Kartoffelacker bleibt eine irre Idee Aber für Afrika gilt dieser Wahnsinn wirklich Bei Ihnen zu Hause haben die das so gemacht? Es wurde schon alles beschlossen? Dann wurde nur noch aufgeklärt, dass es auch so gemacht wird? Ja. – Das ist natürlich schlecht So etwas möchten wir hier natürlich nicht Entwicklungshilfe ist wenn, dann alle zusammen Da müssen grundsätzlich alle mit zufrieden sein So war, außer ein paar Bankern, einer großen Firma, keiner zufrieden So sind es die Oerzener selbst, die durchschauen, dass vom “Big-Business” nicht immer alle profitieren Das Addax-Projekt in Sierra Leone zeigt, wie viele andere solcher Projekte auch, dass große Investments nicht unbedingt Entwicklung bringen Häufiger sogar das Gegenteil Am Ende unserer Recherche erfahren wir noch, dass es schon wieder einen neuen Investor gibt Das Spiel geht weiter Ich werde auf jeden Fall weiter mit Abass im Austausch bleiben

Mich würde aber von euch interessieren, was glaubt ihr? Was könnte man aus so einem gescheiterten Projekt lernen? Und für die Zukunft mitnehmen? Schreibt uns das doch gerne in die Kommentare